Polyergus rufescens (Aufzucht) - Haltungserfahrungen

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Polyergus rufescens (Aufzucht) - Haltungserfahrungen

Beitragvon Boro » 31. Juli 2007, 22:28

Die Aufzucht von Polyergus rufescens (Amazonenameise) betreibe ich seit vielen Jahren. Der Begriff "Aufzucht" ist hier wohl berechtigt, denn nur durch mein Mitwirken entsteht mit einer Königin ein Volk. Die begattete Königin kann ihr Nest nur bei den Arten der Gattung Formica (Serviformica) sp. gründen. Dazu kommt, dass sie sich z. B. im Gegensatz zu den ebenfalls parasitisch gründenden Königinnen der Waldameisen nicht selbst ernähren kann. Daraus folgt, dass sie nach der Begattung rasch ein Wirtsnest finden muss. Die Nestgründung ist als schwierig einzustufen und sollte nur den profunden Kennern der Art vorbehalten bleiben!
Polyergus rufescens steht in Mitteleuropa überall auf den Roten Listen und ist meist vom Aussterben bedroht. Der einzige Zweck meiner Bemühungen ist die Aufstockung bestehender Bestände von Polyergus rufescens in der gleichen Region oder die Neuansiedlung in geeigneten Habitaten (der Region).
Zu diesem Zwecke werden Königinnen in ausweglosen Situationen (Gründung eines Volkes in der Nähe eines bestehenden dominanten Nestes oder am Nest selbst von den Sklaven gefangene Königinnen, die in das Nest einzudringen versuchten) gefangen.
Die Gründung des Nestes erfolgt in folgenden Schritten:
1. Die Königin kommt in eine mitgenommene Box
2. Es beginnt die Suche nach etwa 2-3 Dutzend reifen Puppen und frisch geschlüpften Sklaven einer Serviformica-Art. Die Beigabe adulter Tiere hat praktisch nur Fehlschläge gebracht.
3. Daheim wird die Königin in eine größere Box gegeben, die Puppen und frisch geschlüpften Arbeiterinnen kommen in die gleiche Box, etwa unter ein Stück Rinde. Es muss ein möglichst freier Kontakt zwischen der Königin und der Brut bestehen.
4. Nachdem sich die Königin beruhigt hat, wird sie auf die Brut und einzelne frisch geschlüpfte Arbeiterinnen treffen. Nur diesen begegnet sie ohne Aggression. Mit einigem Glück verbleibt sie bald in der Nähe der Brut und der Arbeiterinnen.
5. Die Jungarbeiterinnen können erstmals die Königin mit Nahrung versorgen und beim Schlüpfen ihrer eigenen Geschwister behilflich sein. Nach etwa 2 Tagen sind sie bereits fast voll ausgefärbt und beginnen die Gegend zu erkunden.
6. Es wird erstmals Futter (Honigwasser) in winzigen Tropfen gereicht. Die Ernährung der Jungkolonie und der Königin ist damit gesichert.
7. Nach dem Schlüpfen von etwa der Hälfte der Arbeiterinnen werden immer wieder neue Puppen der gleichen Art hinzugegeben. Sie werden stets angenommen. Damit beginnt die Zahl der Arbeiterinnen rasch zu wachsen. Die Königin beginnt Eier zu legen.
8. Neben Honigwasser wird nun auch Eiweißnahrung zugeführt.
9. Die Zahl der Arbeiterinnen muss noch vor der Einwinterung auf mindestens 500 gebracht werden. Man rechnet, dass die Raubzüge der Amazonen erst mit einer Zahl ab 100 Individuen beginnen. Für die Ernährung dieser Zahl von Amazonen ist mindestens die dreifache Zahl von Arbeiterinnen notwendig.
10. Einwinterung von Oktober bis März
11. Im März beginnt die intensive Fütterungsphase. Die Eierproduktion und die Aufzucht der Larven geht rasch vor sich
12. Im Mai gibt es die ersten Puppen. Jetzt muss man sich nach einem geeigneten Habitat umsehen. Das ist besonders schwierig, da es viele Nester der Sklavenameisen (möglichst die gleiche Art, mit der das Volk aufgezogen wurde) geben soll, aber im Umkreis von 100m kein weiteres Nest der Amazonen, möglichst keine Waldameisen und keine aggressiven Arten in der Nähe (Lasius sp., Tetramorium sp. usw). Es wird lebende Beute dargeboten, um auf die Erfordernisse in der Natur vorzubereiten.
13. Ist endlich ein Habitat gefunden, muss ein genauer Terminplan eingehalten werden: Das Nest muss in der Natur ausgesetzt werden, bevor die ersten Polyergus-Kriegerinnen schlüpfen und zwar deshalb, weil die Sklavenameisen die ausschlüpfenden Amazonenameisen in Gefangenschaft töten. Dazu gibt es 2 Experimente, die ich im Anhang mit Literaturangaben versehen habe.
14. Nun beginnt die Nachbetreuung: In der ersten Woche sollte das Nest fast täglich kontrolliert werden. Zusätzliche Fütterung wird noch geboten.
Feinde werden vom Nest nach Möglichkeit ferngehalten. Seit 2 Jahren belasse ich den Ytongstein, in dem das Volk aufgezogen wurde, in der Natur. Die Erfahrung zeigt, dass das Volk oft einige Wochen in dieser künstlichen Behausung verbleibt. Erst 3-4 Wochen nach der Freisetzung kann das Projekt als gelungen bezeichnet werden.
Im vorigen Jahr habe ich wie immer 3 Polyergus-Nester aufgezogen und wie gesagt im Mai freigesetzt. Mit Bedauern musste ich feststellen, dass in einem Nest nur Männchen erschienen sind, d. h., dass die Königin nicht begattet war. Es handelte sich um ein intermorphes (ergatogynes) Tier, das an einem Raubzug teilgenommen hatte. Ich schloss daraus, dass sie begattet sein müsste, weil das Eindringen in ein Sklavennest ja sonst keinen Sinn ergeben hätte.
Offensichtlich eine falsche Schlussfolgerung............
In den anschließenden Bildern sehen wir jetzt das Ergebnis eines Versuches! Ich habe ein intermorphes, flügelloses Weibchen auf einem Grashalm über einem Polyergus-Nest gefangen. Außerdem wurden 3 Sklaven-Arbeiterinnen des gleichen Volkes und eine Amazonenkriegerin ebenfalls gefangen und zu Hause in die gleiche Box gegeben. Ich war mir sicher, dass eine begattete Königin niemals von ihren (eigenen) Arbeiterinnen und Amazonen-Geschwistern akzeptiert würde, denn nirgends ist das Konkurrenzverhalten stärker ausgeprägt als bei Polyergus rufescens. Was ist passiert? Keinerlei Aggression, nur gemütliches Beisammensitzen! Ich musste daraus schließen, dass (auch) diese Königin nicht begattet ist und habe das Experiment abgebrochen und die Tiere gleich am nächsten Tag zu ihrem Nest zurückgebracht, wo sie anstandslos akzeptiert wurden.
Bild 1: Intermorphe (?) Königin auf einem Grashalm.
Restliche Bilder: Gemütliches Beisammensein der Königin mit den eigenen Sklaven, daneben ein paar Puppen aus einem fremden Nest der gleichen Art (Formica fusca).
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Gruß Boro

Literaturhinweise zu Punkt 13:
http://ameisenforum.de/beobachtungen-im-freiland/22788-polyergus-rufescens-und-ihre-sklaven-2.html (Die Verträglichkeit verschiedener Serviformica-Arten im Polyergus-Nest)
und:Zwahlen, H.: Erfolgreiche Koloniegründung einer Amazonenameisen-Königin im Gips-Beobachtungsnest. Ameisenschutz aktuell, 2/04
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AW: Polyergus rufescens (Aufzucht) - Haltungserfahrungen

Beitragvon Boro » 27. Juli 2011, 13:55

Schwierigkeiten bei der Nestgründung!

Im Vorfeld der folgenden Geschichte möchte ich noch ein paar grundsätzliche Dinge festhalten:
1. Polyergus rufescens kann man nicht (artgerecht) halten. Jeder diesbezügliche Versuch würde nichts bringen, weil man abgesehen v. der schwierigen Gründung dann das Wesentliche - nämlich die Raubzüge - nicht sehen kann. Das ist (und war) nur eine Angelegenheit für wissenschaftliche Labor-Versuche.
2. Ich beschäftige mich seit mehr als 15 Jahren mit dieser Art und entnehme ausschließlich Gynen aus ausweglosen Situationen (siehe oben!) um Nester zu gründen, die alle so bald wie möglich in geeignete Habitate freigesetzt werden. Um "Haltung" im eigentlichen Sinn geht es hier nicht, weil die Populationen vor dem Schlüpfen der Amazonen freigesetzt werden müssen (Begründung siehe oben!). In jedem Fall sollten sich nur sehr erfahrene Halter mit dieser Problematik überhaupt befassen.
3. Polyergus r. steht in ganz Mitteleuropa (vermutlich im Großteil Europas) auf den Roten Listen, meist in der Kategorie "sehr gefährdet" od. "vom Aussterben bedroht".
Jede Störung eines Nestes, jede Entnahme v. Arbeiterinnen od. Gynen sollte daher unterbleiben.
4. Die Nestgründung ist schon deswegen z. B. nicht mit der von vielen Haltern erfolgreichen Nestgründung bzw. Haltung von Formica sanguinea zu vergleichen, weil die Polyergus-Gyne deutlich empfindlicher erscheint als die hier erwähnte Formica-Art und sich vor allem nicht allein ernähren kann; geht etwas schief, verhungert die Königin in 2, 3 Tagen.

Nun, mir sind (anfänglich) auch Fehler unterlaufen: Die Nestgründung ist an sich schwierig, aber noch größere Probleme hatte ich mit der Freisetzung in einem geeigneten Habitat. Und dann waren da noch etliche Gründungen mit den ergatogynen (intermorphen) Weibchen, weil mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar war, dass diese nie (fast nie??) begattet sind und daher das Projekt von vornherein zum Scheitern verurteil war [siehe:http://www.ameisenforum.de/fotoberichte/33281-k-niginnen-der-amazonen-fotobericht.html#post296809 ]
Manche dieser Nester waren dann verschollen, andere wurden wieder gefunden - mit auffallend geringer Aktivität, bis ich vor 2 Jahren tatsächlich feststellen konnte, dass in den freigesetzten und weiterhin bewohnten Ytong-Nestern nur Männchen produziert wurden. Nun, diesen Fehler mache ich seither nicht mehr.
Seit einigen Jahren werden jährlich nur mehr 2 Nester aufgezogen, es ist einerseits schon Routine, andererseits immer wieder eine Herausforderung.

Vor einer Woche hatte ich eine Gyne mit 3 Formica fuscocinerea-Arbeiterinnen vergesellschaftet. An sich kein Problem, mit dieser Serviformica sp. ist mir die Gründung bei 3 Versuchen auch 3 Mal gelungen. Diesmal gab´s Probleme: Die Gyne hat 2 der 3 jungen Arbeiterinnen totgebissen, eine blieb übrig. Dann musste ich feststellen, dass die beigegebenen Puppen offensichtlich krank od. vertrocknet waren. Es blieb nur die eine Arbeiterin, das genügte zwar zur Fütterung der Gyne, aber für eine Nestgründung war das ungeeignet. Weitere gesunde Puppen konnte ich nicht beschaffen, sodass ich rasch im Garten Puppen und ein paar frischgeschlüpfte Arbeiterinnen v. F. fusca besorgte und eine zweite Gründung in die Wege leitete. Inzwischen ist die Gyne mit etwa 6 - 8 jungen Arbeiterinnen der Serviformica-Art zusammen. Vielleicht gelingen mir da auch ein paar Bilddokumente.
1. Die Polyergus-Gyne in der Gründungsbox:
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2. Die Gyne mit der einzigen verbliebenen F. fuscocinerea-Arbeiterin. Die grauen Puppen sind kaputt, deshalb wurden die Arbeiterinnen auch nicht aus dem Kokon befreit.
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3. Trautes Beisammensein!
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4. Eingeleitete Trophallaxis als Beweis der gegenseitigen Akzeptanz!
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5. Und hier:
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6. Das war für die Gyne überlebenswichtig!
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Beitragvon Gast » 27. Juli 2011, 15:01

Hallo Boro,

1. Polyergus rufescens kann man nicht (artgerecht) halten. Jeder diesbezügliche Versuch würde nichts bringen, weil man abgesehen v. der schwierigen Gründung dann das Wesentliche - nämlich die Raubzüge - nicht sehen kann. Das ist (und war) nur eine Angelegenheit für wissenschaftliche Labor-Versuche.
Vielen Dank für dieses klare Statement!
Allerdings dürften auch die wissenschaftlichen Untersuchungen zu den Raubzügen alle im Freiland durchgeführt werden. Ich habe ja vor kurzer Zeit praktisch alle Literatur dazu durchgearbeitet und bin auf kein Beispiel für Labor-Raubzüge gestoßen.
Selbst in einem sehr großen Labor wäre es vermutlich nicht möglich, geeignete Wärme- Feuchtigkeits- und Lichtbedigungen zu schaffen, insbesondere nicht den Verlauf dieser Parameter im Nest und an der Oberfläche genau genug zu simulieren. - Noch immer benötigt man ja ein "Gespür" dafür, wann die Tierchen auf Raubzug gehen könnten, wenn man einen Raubzug beobachten möchte :).

Viele Grüße,
Merkur
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Beitragvon Boro » 1. August 2011, 21:43

Anlass zur Freude!
Erst am Abend kann man sagen, ob ein Tag gut gelaufen ist! Heute war es schon am Nachmittag so weit:
1. Am 28. Mai hatte ich meine 2 (jährlichen) Polyergusvölker freigesetzt, nach dem bereits reichlich Larven u. etliche Puppen vorhanden waren. Dieser Zustand wurde etwas früher erreicht als üblicherweise im Freien, die Polyergus-Königin fängt später mit der Eiablage an als die verwandten Serviformica-Arten. Ich musste inzwischen zur Kenntnis nehmen, dass auch die Entwicklungszeit bis zur Imago eher länger dauert als bei den Hilfsameisen, welche die Brut ernähren. Warum das so ist weiß ich nicht, es dauert jedoch sicher mehr als 2 Monate.
2. Nach 14-tägiger Absenz habe ich heute diese 2 Nester wieder kontrolliert:
A: Polyergus X F. fusca. Das Nest hat sich dank insges. 3-maliger Nachbetreung gut entwickelt. Zu meiner Überraschung sah ich 2 Amazonen herumlaufen u. plötzlich stellte ich fest, dass gerade in dem Augenblick ein kleiner Trupp v. Amazonen eilig mit Brut von einem Raubzug heimkehrte! Das wirft meinen bisherigen Kenntnisstand etwas über den Haufen:

I. Amazonenvölker können tatsächlich bereits im Jahr nach der Nestgründung (eigentlich im selben Jahr der Eiablage,weil die Gyne im vorhergehenden Herbst in der Regel keine Einer mehr legt) mit den Raubzügen beginnen.
II. Es bedarf keiner älteren, erfahrenen Pfadfinderinnen!
III. Die Mindestanzahl der Räuber ist jedenfalls nicht mit 100 od. einigen 100 Tieren festzusetzen. Bei der groben Zählung kamen 50 bis 6O Amazonen zusammen, vielleicht sind ein paar Tiere im Nest geblieben. Es waren keine besonders kleinen Amazonen (Pygmäen), wie man sonst oft feststellen kann.

B. Polyergus X Formica cunicularia. Das Nest ist ebenfalls in guter Verfassung, die Tierchen leben teilweise mit Brut noch im freigesetzten Ytong-Nest u. teilw. haben sie sich darunter eingegraben. Es waren massenhaft Puppen vorhanden, aber es waren Serviformica-Arbeiterinnen-Puppen. Ich dachte zuerst, hier hat sich vielleicht ein fremdes cunicularia-Volk einquartiert, Nach einer kleinen Störung kamen aber ein paar Mini-Amazonen hervor. Aus der Nestsituation schließe ich, dass hier ebenfalls schon Raubzüge unternommen werden.
3. Gut, die Entwicklung kann man nicht unbedingt mit einem Freilandnest gleichsetzten, aber es scheint festzustehen, dass in sehr günstigen Lagen mit einem warmen Frühjahr od. im Mittelmeerraum die Raubzüge häuifig od. immer im Jahr nach der Gründung erfolgen.
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Beitragvon Boro » 3. August 2011, 08:00

Wie oben angekündigt: Die gleiche Polyergus-Gyne ist jetzt bei F. fusca integriert. Schon letztes Mal ist mir übrigens aufgefallen, dass die Gyne am Rücken (Mesonotum) eine größere u. auf der Gaster eine kleine ("vernarbte") Verletzung aufweist.
1. Die "verletzte" Gyne mit einer F. fusca-Arbeiterin:
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2. Und hier mit 2 Arbeiterinnen:
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Beitragvon Gast » 3. August 2011, 11:17

[font=Times New Roman]Hallo Boro,[/font]

[font=Times New Roman]Diese offensichtlich „ausgeheilten“ Verletzungen der Polyergus-Königin sehen für mich wie Einstiche durch die Mandibeln einer Artgenossin (Arbeiterin oder Königin) aus. Es ist wahrscheinlich nicht mehr zu sagen, ob dazu im Leben der Königin irgendwann eine Gelegenheit bestand?[/font]

[font=Times New Roman]Interessant ist, dass die ersten Polyergus-Arbeiterinnen so rasch entstehen, dass sie für Raubzüge in demselben Jahr noch zurecht kommen, dass dann noch Puppen in den Wirtsnestern vorhanden sind.[/font]

[font=Times New Roman]Bei Harpagoxenus und Chalepoxenus ebenso wie bei Myrmoxenus dürfte das nicht funktionieren. Insbesondere bei Harpagoxenus und Chalepoxenus entstehen auch nur 3-5 kleine Arbeiterinnen aus der ersten Brut, etwas wenig für einen Raubzug (mit Einzelrekrutierung per Tandemlauf!).[/font]

[font=Times New Roman]Durch Markieren von Arbeiterinnen (Abzwicken eines Tarsus bei allen im Nest vorhandenen Sklavenhalter-Arbeiterinnen; stellt im Labor keine Behinderung dar) haben wir festgestellt, dass Raubzüge im Folgejahr immer von überwinterten, also älteren, Arbeiterinnen ("scouts") initiiert werden. Oft erschienen dann rekrutierte Neulinge aus demselben Jahr vor dem Zielnest etwas „desorientiert“, schienen nicht so recht zu wissen, was sie da am Ziel eigentlich sollten ;).[/font]

[font=Times New Roman]Auch darin unterscheiden sich offenbar die Sklavenhalter verschiedener Verwandtschaftsgruppen, so wie in Kampftechnik und Rekrutierungsverhalten![/font]

[font=Times New Roman]MfG,[/font]
[font=Times New Roman]Merkur[/font]
Gast
 


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Beitragvon Boro » 3. August 2011, 13:15

Hallo Merkur!
Die Vermutung betr. die "ausgeheilte" Verletzung ist ein sehr guter Tipp, da hätte ich selbst drauf kommen können.
Die Gyne stammt nämlich sehr wahrscheinlich aus jenem Nest, von dessen (unter hohen Verlusten) abgewehrten intraspezifischen Überfall ich vor kurzem berichtet hatte (http://www.ameisenforum.de/fotoberichte/36836-kundschafter-spurenleger-f-hrtensucher-r-uber-fotobericht.html , letzter Beitrag!). Da erkennt man, dass junge Gynen u. intermorphe Weibchen in die Auseinandersetzung verwickelt waren.
Jedenfalls wurde die Gyne in unmittelbarer Nestnähe eingesammelt u. diese Gynen neigen ja sehr stark dazu, nach dem Schwärmen bzw. nach der Begattung in Nestnähe, in die Nähe d. alten Nestes zurückzukehren u. auf einen Raubzug der Geschwister zu warten, um diesen in der Nachhut zu begleiten.
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Beitragvon Boro » 22. September 2011, 11:50

Misserfolg!
Es gibt auch Rückschläge bzw. Misserfolge, die man eingestehen muss!
1. Die oben zuletzt gezeigte Gyne, die ich mit F. cunicularia gründen ließ, wurde bei der gestrigen Kontrolle tot aufgefunden. Ich kontrolliere nur alle 10-14 Tage, um die Störung möglichst kurz zu gestalten. Die Hilfsameisen scharten sich noch um die tote Königin.
2. Die positive Meldung: Das 2. Nest mit F. fusca wurde heute morgen freigesetzt, die (verletzte) Gyne scheint noch in Ordnung zu sein. Es gibt inszwischen über 600 Hilfsameisen im Nest und keine Brut mehr. Die späte Freisetzung erfolgte nur, weil für die nächste Zeit günstiges Wetter vorhergesagt ist. Die freigesetzten Kolonien brauchen nämlich 2-3 Wochen, um sich in der neuen Umgebung einzuleben u. eventuell
noch Nahrungsquellen zu erschließen. Es folgt aber auch eine Nachbetreuung meinerseits.
Zurück zum ersten Punkt:
Hier haben wir die Gyne, ein trauriger Anblick:
Bild

Auffallend sind die abgefallenen (?) od. amputierten Gliedmaßen u. Antennen. Gewalteinwirkung kann nicht ausgeschlossen werden Ein. Pilzbefall ist nicht festzustellen.
Ich habe inzwischen einen Verdacht (mehr ist es nicht): Vor 2 od. 3 Jahren ist mir einmal eine Königin nach erfolgreicher Gründung bei F. rufibarbis und anschließender Überwinterung Ende März abgestorben. Damals wurden die zerstückelten Reste der Gyne aus dem Nest transportiert. Schon vorher ist mir trotz entsprechender Temperatur u. Fütterung die geringe Aktivität der gorßen u. aggressiven Arbeiterinnen aufgefallen. Ich hab dann bemerkt, dass eine Serviformica-Arbeiterin physogastrisch ist und mit dem Ablegen v. Einern begonnen hatte. Könnte es sein, dass rufibarbis-Arbeiterinnen auch noch im Nachhinein "ihre" Polyergus-Königin töten?
Diesmal habe ich mit F. cunicularia vergesellschaftet, konnte aber in der Folge partout keine cunicularia-Nester mit entsprechender Brut finden (auch nicht im Garten!), daher habe ich auf F. rufibarbis zurückgegriffen und reichlich Puppen dieser Art beigegeben. Nach Ansicht der gegenwärtigen Forschung sind die "bunten" Serviformica-Arten (cunicularia, rufibarbis, clara) als "Schwesternarten" kompatibel, also in einem Nest gemeinsam verträglich. Diese Erkenntnis geht vor allem auf die Forschung bei Polyergus r. und Raptiformica sanguinea zurück.
Nun musste ich aber feststellen, dass die im Nest befindlichen cunicularia-Arbeiterinnen die frisch geschlüpften rufibarbis-Arbeiterinnen aus dem Nest zerrten bzw. aus diesem vertrieben. Ein Teil der frischgeschlüpften Arbeiterinnen ist verhungert, später Schlüpfende haben sich aber außerhalb des Nestes in einer separaten Gemeinschaft zusammengefunden. Dieses Verhalten ist mir nicht ganz neu, aber ich dachte, es hängt damit zusammen, dass die Puppen erst kurz vorher beigegeben wurden. In der Folge schlüpfende rufibarbis-Arbeiterinnen schienen v. cunicularia eher akzeptiert zu werden u. einige davon waren schließlich auch im (Ytong)-Nest zugegen. Und jetzt sind wir beim eintscheidenden Punkt:
1.Wie verhalten sich rufibarbis-Arbeiterinnen gegenüber fremden (sozialparasit. gründenden) Gynen? Aus der Literatur ist bekannt, dass F. rufibarbis größeren Widerstand gegen Sozialparasiten leistet, das gilt nicht nur f. P. rufescens, sondern häufig auch für die bei dieser Serviformica-Art gründende Formica pratensis. Dass es trotzdem gelingt ist klar, im Pannonischen Raum gründet P. rufescens häufig bei dieser Hilfsameise, in Zentralasien vorwiegend, weil andere Hilfsameisen (außer F. clara) weitgehend fehlen.
2. Mir fällt schon seit Jahren auf, dass die meisten Nester v. Polyergus-Serviformica auch bei uns (Kärnten) "monocolor" sind, also nur eine Hilfsameisenart enthalten, obwohl hier alle verfügbaren Hilfsameisenarten ausgeraubt werden. Anders ist das in Nordamerika, die dort existierenden Polyergus breviceps und Polyergus lucidus sollen ganz vorwiegend nur jene Serviformica-Árten überfallen und berauben, bei denen die eigene Königin früher gegründet hat; das heißt, die "scouts" suchen nur jene Nester aus (nach dem Nestgeruch??), die den eigenen Hilfsameisen entsprechen.

Bei uns gründet Polyergus bei F. fusca, F. cunicularia, F. rufibarbis (und in einem Falle bei F. cinerea, Bericht im AF). Wenn aber alle Serviformica-Arten ausgeraubt werden, was passiert dann mit deren Brut? Wahrscheinlich wird ein Teil der fremden Brut gefressen, ein anderer Teil wird aber sicher schlüpfen, da Polyergus - anders als Raptiformica - stets auf Hilfsameisen angewiesen ist. Einen guten Beweis für die Zulassung fremder, adulter Arten im Polyergus X Serviformica-Nest habe ich einmal gefunden und darüber im AF berichtet: Polyergus überfiel ein junges Raptiformica X F. fusca-Nest und etliche geschlüpfte Raptiformicas waren anschließend in dieser Saison im Polyergus-Nest und in einigen Fällen sogar noch im folgenden Jahr! Obwohl sie tatsächlich von den cunicularia-Arbeiterinnen rüde behandelt u. wiederholt aus dem Nest gezerrt und abseits (lebend u. bei guter Gesundheit) "deponiert" wurden. Sie sind damals gleich wieder ins Nest zurückgelaufen. In diesem Zusammenhang ist vor allem die offensichtliche Toleranz der Amazonen gegenüber diesen Fremden erstaunlich.

Heuer habe ich besonders darauf geachtet, ob ich in vorherrschenden Polyergus X cunicularia-Nestern artfremde Hilfsameisen ausmachen kann. Ich habe noch nie eine der großen, aggressiven rufibarbis-Arbeiterinnen in einem Polyergus-cunicularia Nest feststellen können. Sie sind an dem durchwegs hellroten/orangen Mesosoma leicht erkennbar. Deren kleinere Nester wurden zwar oft erfolgreich ihrer Brut beraubt - aber wo sind diese großen Hilfsameisen geblieben? Sind F. cunicularia und F. rufibarbis doch nicht (immer) kompatibel ? Das würde jetzt aber die diesbezügliche Fachmeinung weitgehend auf den Kopf stellen......
Auf der anderen Seite habe ich seit über 13 Jahren die nach wie vor existierende (und wiederholt bildlich u. textlich dokumentierte) Kombination Polyergus-F. fusca-F. cunicularia, die es eigentlich nicht geben sollte. Formica fusca u. Formica cunicularia gelten allgemein als nicht verträglich. Ursprünglich gab es sogar 2 Nester mit dieser Konstellation, aber eines wurde schon vor Jahren intraspezifisch vernichtet.

Bemerkenswert ist auch, dass die Hilfsameisen die Amazonen immer als "anders" erkennen, obwohl die Königin bereits vor Monaten den Kolonieduft der Hilfsameisen angenommen hat und obwohl die Hilfsameisen die fremde Brut allein aufgezogen haben. Das "Anderssein" wird nicht über die andere Morphologie, sondern wohl nur über einen weiterhin verbleibenden minimalen individuellen Duft erkannt. Belege dafür sind der prinzipielle Transport v. Amazonen während eines Nest-Standortwechsels und die Tatsache, dass Hilfsameisen die schlüpfenden Amazonen in der Gefangenschaft in Kunstnestern unter bestimmten Voraussetzungen oft töten (HELLER, ZWAHLEN).
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