Ameisenhaltung in den 1960er Jahren

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AW: Ameisenhaltung in den 1960er Jahren

Beitragvon Gast » 1. März 2014, 16:31

Teil 8: Haltung der Pharaoameise zu Forschungszwecken

Nach meiner Zeit in Würzburg trat ich 1967 eine Assistenten-Stelle an der Uni Bonn an. Die Forschung an Ameisen ging weiter, und es ergab sich eine Gelegenheit, die Pharaoameise (Monomorium pharaonis) unter die Lupe zu nehmen: Ein Ministerium in NRW war befallen, und so konnte man für Forschungsarbeiten Förderungsmittel beantragen! :)

Grundlage für alle Untersuchungen war der Aufbau einer Dauerzucht dieser Art, und dafür war es zuerst mal nötig, an Tiermaterial zu kommen. Das gestaltete sich nicht ganz so einfach.
Ich habe eine ganze Reihe von Wohnungen mit Pharaoameisen-Befall besucht, sowie Fabriken und andere Orte, von denen diese Schadameise gemeldet wurde. Aber dank der versteckten Nistgelegenheiten, oft in Mauerwerk, kam ich nicht an Königinnen und Brut heran.
(Erst später war zu erkennen, dass geeignete „Köder-Nistgelegenheiten“ unter Umständen rasch angenommen werden, und dass Königinnen noch nicht mal nötig sind um eine Kolonie zu gründen!).

Schließlich hatte ich in einer Heil- und Pflegeanstalt Erfolg. Auf die näheren Umstände, wo und wie die Ameisen lästig wurden, will ich lieber nicht eingehen… In dem Backsteingemäuer des Heizungskellers war reger Ameisenverkehr an allen Ritzen und unsauberen Mörtelfugen. Ich durfte mit Hammer und Meißel zu Werke gehen, den Exhaustor stets zur Hand. Es war nicht allzu gemütlich: Ich lag auf einem dicken, sehr warmen Heizungsrohr, daneben war ein kühles für den Wasser-Rücklauf. Das Kondenswasser daran war offenbar für die Pharaos auch nicht uninteressant. Nun, es gelang mir, ein paar Königinnen, Larven und viele Arbeiterinnen einzusammeln.

Für die Haltung und Zucht entwickelten wir einen „Hochsicherheitstrakt“, wie schon gelegentlich hier im Forum erwähnt.



Bild 22 zeigt einen schematischen Querschnitt der Anlage. Das eigentliche Formikar stand in einer Wanne (W) mit ca. 1 cm Paraffinöl (P). Glasstäbe am Boden verhinderten, dass das Formikar an die Wand getrieben wurde. Zwei Plastikbehälter (20 x 20 x 20 cm, LxBxH) wurden ineinander gesteckt um die belaufbare Fläche zu vergrößern. Am Rand des unteren Behälters waren sie verschweißt (S). Unten war der übliche Gipsboden (G) zur Regulierung der Feuchtigkeit, ein schmales Brettchen stellte die Verbindung zu einem Durchgang (D) nach oben her. In der „oberen Etage“ wurde Futter (F) geboten: Honig, Schaben und Mehlkäferpuppen. Kleinere Kammern waren für die eigentlichen Nester vorgesehen N). Die Belüftung erfolgte über in die Wand bzw. den Deckel eingeklebte Metallgitter (K). Als Ausbruchsschutz war auf die Wände der oberen Etage dünn Paraffinöl aufgetragen. Der Deckel wurde in einen Wulst aus Vaseline eingedrückt. – Das alles half nicht allzu viel! Immer wieder gelang es Dutzenden von Arbeiterinnen, die Wände hoch zu klettern, sich durch die Vaseline zu arbeiten, und schließlich im Paraffinöl unten in der Wanne zu ersticken.



In Bild 23 ist das Ganze realistisch gezeigt. Für Experimente waren mehrere kleine und zum Teil einfachere „Formikarien“ in der Wanne untergebracht. Die Wanne selbst stand auf einem mit der Laborwand verschraubten Tisch, damit nicht etwa bei Reinigungsarbeiten mal der Tisch verschoben und evtl. die ganze Anlage zu Boden geschickt werden konnte.



Bild 24: Die enorme Vermehrungskapazität der Ameisen in der Haltung zeigt sich darin, dass zahlreiche Eierhäufchen angelegt wurden. Larven wurden dann an anderen Stellen gelagert. Man sieht in diesem (kleinen!) Ausschnitt der Stammkolonie auch einige der Königinnen.



Bild 25: Hier wird deutlich, weshalb man in manchen befallenen Wohnungen die Anwesenheit der Pharaoameisen riechen kann: Überschuss an Proteinfutter wird gehortet (im Laborjargon haben wir das Zeug „Pemmikan“ genannt). Leider können diese Vorräte allmählich verderben, wenn sie nicht rechtzeitig verbraucht werden. Hinter loser Tapete, Paneelen, unter einem schön beheizten Aquarium oder Terrarium und an anderen passenden Stellen kann da eine beträchtliche Ansammlung „duftenden“ Mülls entstehen.



Bilder 26 und 27: Versuchsweise haben wir den Ameisen etwas „Spielsand“ zur Verfügung gestellt. Ihre Buddeltätigkeit war durchaus bemerkenswert! Futterschälchen wurden unterminiert oder zugeschüttet, tote Schaben zugedeckt, Gänge und Kammern angelegt. Auch der feuchte Gipsboden wurde angegriffen und zum Teil zerlöchert.



Bild 28: Aus den zahlreichen Versuchen zur Koloniegründung der Pharaoameise ging hervor, dass begattete Jungköniginnen mit Arbeiterinnen und Larven sowie nur mit Arbeiterinnen in jedem Fall funktionstüchtige Sozietäten gründen konnten; eine oder 6 Jungköniginnen zusammen waren bei Zugabe von Brut (Eier, Larven, Arbeiterinnenpuppen) ebenfalls erfolgreich, während Jungköniginnen ohne zugesetzte Arbeiterinnen und Brut zwar Eier ablegen und einige wenige erste Arbeiterinnen aufziehen konnten, in der Koloniegründung aber dennoch scheiterten: Bald nach dem Erscheinen der ersten Arbeiterinnen hatten die Königinnen ihre natürliche Altersgrenze erreicht und verstarben. Interessant ist jedoch, dass in diesen Versuchen Pygmäen-Arbeiterinnen entstanden.
Unbegattete Jungweibchen zogen ebenfalls Brut auf, doch waren die entstehenden Männchen nicht in der Lage, ihre Mütter zu begatten.


MfG,
Merkur
Gast
 


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