Angriff von Raptiformica sanguinea

Eigene Beobachtungen in der freien Natur.

Angriff von Raptiformica sanguinea

Beitragvon Boro » 29. Juli 2007, 14:57

Raptiformica sanguinea und tapfere Formica fusca-Arbeiterinnen

Vor einigen Tagen konnte ich Raptiformica sanguinea wieder einmal bei einem Überfall auf ein Nest der Sklavenameise Formica (Serviformica) fusca beobachten.
Dabei gelten die meisten Serviformica-Arten bei Überfällen von Raptiformica sanguinea oder Polyergus rufescens als eher geschockt, oft hilflos und wenig wehrhaft. Nur von Formica rufibarbis und noch mehr von Formica lusatica oder den Superkolonien der cinerea-Gruppe weiß man schon lange, dass sie sich erfolgreich gegen solche Angriffe zur Wehr setzen können.
Nun traf es Formica fusca, eine weitverbreitete Art, die immer wieder Opfer der vorhin genannten Räuber wird. Nur diesmal lief es etwas anders:

Zuerst sah ich zahllose Arbeiterinnen von Formica fusca ganz aufgeregt in eine Richtung laufen. Rasch erkannte ich, dass sie in Nestnähe einige Exemplare von Raptiformica sanguinea gefangen und getötet hatten. Etwa 2-3m von ihrem Nest entfernt trafen die zu allem entschlossenen Sklavenameisen auf immer mehr eintreffende Räuber. In dieser Distanz vom Nest entwickelte sich ein wilder Kampf, den die Sklavenameisen erst nach dem Eintreffen immer neuer Truppen von Raptiformica sanguniea verlieren mussten. Das ganze Spektakel dauerte an die 20 Min., dann konnte ich feststellen, dass viele Formica fusca-Arbeiterinnen mit Puppen das eigene Nest verließen, obwohl die Raptiformica-Arbeiterinnen noch gar nicht vor Ort waren.
So tapfere Formica fusca Arbeiterinnen (Kriegerinnen) habe ich schon lange nicht gesehen. Die Beute der Rauber dürfte in diesem Fall wohl gering ausfallen.
Bild 1: Kampfszene
Bild 2: Raptiformica sanguinea auf der "Streckbank"
Bild 3: Mit Honigwasser konnte ich trotz der enormen Hektik ein paar Sklavenameisen kurz "ruhig" stellen. Es handelte sich um relativ große, kräftige Ameisen, die sich wie Kriegerinnen gebärdeten und nicht wie Sklaven. An Stelle dieser Ameisen empfand ich direkt Stolz für so viel Mut und Opferbereitschaft.
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Beitragvon Boro » 22. Mai 2008, 21:26

Die Jagdsaison hat begonnen!

Seifert schreibt in seinem Buch zu Formica (Raptiformica) sanguinea:
"Fakultativer Sklavenräuber bei jeder denkbaren Serviformica-Art. Überfälle durch meist 600-2000 Arbeiterinnen umfassende sanguinea-Abteilungen auf bis 50 m entfernte Nester von M6-M8 ganztägig während warmer Tage." (Seifert 2007, S. 321).
Heute (22. Mai, ca 17 Uhr) habe ich den ersten Raubüberfall von Raptiformica auf ein riesiges Nest von Serviformica fusca erlebt.
Zweifellos ein extrem früher Beginn der Jagdsaison.
Nähere Umstände: Hügelland nordöstl. von Klagenfurt (Kärnten/Österr), Weg entlang eines Waldrandes, 570m über NN; Wetter: Stark bewölkt, etwa 19°.
Ich habe versucht die dramatische Situation mit Bildern festzuhalten, aber es war diesmal sehr schwierig: Auf mehreren m² Fläche herrschte das totale Chaos, alle Ameisen liefen durcheinander, zu Hunderten ergriff Serviformica fusca unter teilweiser Mitnahme der Brut die Flucht. Auch eine Königin konnte ich unter den Fliehenden ausmachen. Raptiformica-Angreiferinnen hatten weniger Interesse an den Fliehenden, als vielmehr an den vorhandenen Nesteingängen, durch sie ins Innere vordrangen. Kaum eine Ameise hielt auch nur für eine halbe Sekunde still.
Daher bitte um Nachsicht bei der einen oder anderen Unschärfe. Ich hoffe, dass das turbulente Geschehen wenigstens teilweise nachvollziehbar wird!

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Beitragvon Adamas » 29. Mai 2008, 13:40

Man sollte vielleicht einen Katastrophenfilm daraus drehen...:ironie:


Na Spass beiseite, tolle Bilder :respekt:

ich kann mir das garnicht vorstellen wie eine mehrere m² große Fläche von Hunderten von Ameisen wimmeln kann....

Vlt sollte man das Usertreffen bei dir machen da scheint ja immer was los zu sein^^

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Beitragvon Boro » 29. Mai 2008, 13:57

Ja, es war wirklich aufregend! Man hätte natürlich ein Video drehen können, aber dazu hätte es wohl eher eines Stativs bedurft. Außerdem war die flächenmäßige Ausdehnung der Turbulenzen tatsächlich so groß, dass ich gar nicht gewusst hätte, wo man mit dem Fotografieren anfangen sollte.
Seifert schreibt, dass in solchen Nestern (Formica fusca) meist nur 300-2000 Tiere anwesend sind (S. 296), aber hier war das Limit sicher überschritten.
Jedenfalls sehr spannend, nur noch durch die spektakulären Raubzüge von Polyergus rufescens zu übertreffen, die ich an anderer Stelle wiederholt geschildert habe.
User-Treffen hier? Weit vom Schuss, aber gar keine schlechte Idee! Eine Exkursion stelle ich allemal zusammen, aber einen Raubüberfall von Formica sanguinea kann man nicht vorhersehen, einen von Polyergus rufescens schon....
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Beitragvon Adamas » 29. Mai 2008, 14:56

Na gut da drüben in Österreich ist schon ziemlich weit hergegriffen, aber vlt irgendwann einmal möglich^^

Gruß Adamas

Ps Die kann man vorraussehen?
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Beitragvon shar » 29. Mai 2008, 19:34

HYhy!

Sehr schöne Bilder - halte ja auch immer die Augen offen, aber hier in meiner Gegend ist absolut tote Hose....gut habe schon ein paar Kolonien gefunden aber kein Vergleich zu deinen Ereignissen.

Boro hat geschrieben:aber einen Raubüberfall von Formica sanguinea kann man nicht vorhersehen, einen von Polyergus rufescens schon....
Gruß Boro


Wie kündigt sich so ein Raubzug an?


Grüßle ~Shar~
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Beitragvon Boro » 30. Mai 2008, 09:34

Bei Polyergus rufescens ist es so, dass die Raubsaison von den letzten Junitagen bis Anfang Sept. dauert. Dieser Zeitraum deckt sich mit dem Vorhandensein von Arbeiterinnen-Puppen bei den Sklavenameisen. Sicher sind die Monate Juli/August, da gibt es zumindest bei größeren Nestern regelmäßig Raubzüge, wenn die Wetterbedingungen passen: Einigermaßen schönes Wetter, Temp. über 23°, sicher ab 25° und Trockenheit=vorher kein Regen.
Einen kleinen Unsicherheitsfaktor gibt es noch: Sollten die Pfadfinder kein Sklavennest finden, gibts keinen Raubzug. Bei großen Nestern werden aber gleich ein, zwei Dutzend Pfadfinder ausgeschickt, da ist ein Versagen fast ausgeschlossen.
Näheres hier:
Raubzüge der Amazonen - Ameisenforum.de
Bei Raptiformica sanguinea sind die Raubzüge eher "zufällig" ebenfalls bei schönem, gut temperiertem Wetter über die Sommermonate verteilt. Der auslösende Faktor wird wohl auch hier ein "scout" sein, der eine Meldung einbringt und Alarm schlägt. Die Raubzüge wirken aber unkoordiniert und sind auf Raub und Vernichtung des Gegners gerichtet, während die Raubzüge von Polyergus beinahe eine "militärische" Präzision aufweisen und nur auf Raub ausgerichtet sind.
Gruß Boro
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Verschärftes Lob! ;-)

Beitragvon Werner D. » 23. August 2008, 17:22

Hallo Boro,

ich habe mir gerade deine Beobachtungen ausgedruckt, um sie dann in aller Ruhe - und mit Genuß :) - zu lesen. Danke für diese detaillierten, lebendigen und informativen Beschreibungen. Solche Beiträge zu lesen ist ein echtes Vergnügen! Es gibt natürlich viele Ameisenfreaks, aber die wenigstens können ihre Begeisterung so konkret in Worte fassen.

Viele deiner Fotos sind ausgezeichnet, darf ich fragen was du für eine Ausrüstung benützt. (Nach altersschwachem Handy schaut das nämlich nicht aus ...:))

LG Werner
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