Polymorphismus oder doch Polyphänismus

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AW: Polymorphismus oder doch Polyphänismus

Beitragvon Ossein » 29. Januar 2011, 18:33

Richtig, el Bomber, zumindest sehr enge Verwandte einer genetischen Linie, denkbar wären da ja auch Söhne.

Es ist nicht vollkommen undenkbar, dass die Königin die mind. zwei verschiedenen Spermapakete unterschiedlich lagert und diese selektiv benutzt.

Trotzdem ist es sehr wahrscheinlich ganz anders:

Es ist offensichtlich, dass die Fortdauer eines voneinander anhängigen Systems genetischer Linien der Besamung durch mehrere Männchen bedarf (...).
Obwohl Königinnen und Männchen ihre Fitness dadurch erhöhen würden, dass sie ihre eigene (genetische) Linie erkennen und sich mit dieser paaren, gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass solch eine Partnerwahl stattfindet. Im Gegenteil, die vorhandenen Daten legen nahe, dass die Königin sich zufällig paart und das Sperma benutzt. Also wird die genetische Kastendetermination durch die Populationsdynamik bestimmt, in welcher die der Kolonieerfolg im großen und ganzen eine Funktion der relativen Häufigkeit beider Linien und der Stufen der Polyandrie (Vielmännerei) ist.
(Hölldobler/Wilson, "The Superorganism", p133-135, eigene Übersetzung)

Will heißen, es wird nichts durch die Königin allein "entschieden", vielmehr unterliegt die Entwicklung der Kolonie der "normalen" Populationsdynamik.

Es sei noch abschließend hinzugefügt, dass H/W keinerlei "gute Erklärung" dafür, warum es diese Abart der genetischen Determination überhaupt gibt (trotz verschiedener Hypothesen) und annehmen, dass der beobachtete Zustand lediglich das Ergebnis der Überlappung zweier zwar bestimmter, aber nicht vollständig voneinander isolierten, Spezies sein könnte.

Aber interessant ist das ganze auf jeden Fall...
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AW: Polymorphismus oder doch Polyphänismus

Beitragvon Gast » 30. Januar 2011, 10:17

[font=Times New Roman]Für Liebhaber komplizierter Sachverhalte ( :) ) gibt es hier einen aktuellen und umfassenden Artikel zum Thema „genetische Kastendetermination“ aus den Myrmecological News von 2008:[/font]
[font=Times New Roman]http://myrmecologicalnews.org/cms/images/pdf/volume11/mn11_119-132_non-printable.pdf[/font]

Viel Spaß damit!
Merkur
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AW: Polymorphismus oder doch Polyphänismus

Beitragvon el_Bomber » 30. Januar 2011, 21:46

Danke, werde ich mal durcharbeiten sobald ich Zeit habe.


MfG
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Beitragvon Ossein » 3. Februar 2011, 00:08

Sorry, aber ich muss einfach noch etwas ergänzen, heute frisch hereingeflattert durch die Hilfe eines, wer hätte es gedacht, Hrn. Alex Wild:

Ant sex keeps getting weirder
[align=left]
Eine Studie von Pearcy et al, die heute veröffentlicht wurde, enthüllt, dass eine gemeine invasive Ameise, Paratrechina longicornis, eine solche Merkwürdigkeit darstellt.
Hier sind es alle drei Kasten, die verschieden erzeugt werden.
Arbeiterinnen entwickeln sich durch normale sexuelle Reproduktion durch Königinnen und Männchen, Königinnen allerdings werden geklont und sind mit ihren Müttern genetisch identisch, während die Männchen keinerlei weiblichen Allele aufweisen und genetisch mit ihrem Vater identisch sind. Das Ergebnis ist, dass genetische Inzucht vollkommen unmöglich wird, weil Königinnen-Genome und männliche Genome vollkommen getrennt bleiben.

(Zitat von Alex Wild und Zusammenfassung von Percys Abstract, beides von mir übersetzt.)

Was alles nur noch mehr unterstreicht, wie wenig wir noch wissen, und wie unterschiedlich die Fortpflanzungsstrategien innerhalb der Welt der Ameisen sind.

[/align]
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AW: Polymorphismus oder doch Polyphänismus

Beitragvon Gast » 3. Februar 2011, 11:56

[font=Times New Roman]Inzwischen erscheinen solche – interessanten! – Arbeiten so häufig, dass man mit dem Lesen kaum noch nachkommt. Trotzdem natürlich danke für das Posten, Ossein.[/font]

[font=Times New Roman]Was mir beim Lesen der zugänglichen „Quellen“ auffällt, sind zunächst zwei Dinge.[/font]

[font=Times New Roman]Zum einen im Abstract: “these allele frequency differences resulted from the fact that the three castes were all produced through different means.”[/font]
[font=Times New Roman]Die “drei Kasten”. Man war sich einigermaßen einig, dass die Männchen keine Kaste darstellen (sonst hätten alle normal zweigeschlechtlichen Organismen, einschließlich des Menschen, ein Kastensystem, eine Frauen- und eine Männerkaste. Macht wenig Sinn, oder?).[/font]
[font=Times New Roman]Sinn macht es, zu sagen, dass bei den sozialen Hymenopteren das weibliche Geschlecht in zwei Kasten auftritt, wobei der grundlegende Unterschied darin besteht, dass es eine voll fortpflanzungsfähige Form (Königin) gibt und daneben eingeschränkt fertile bzw. ganz sterile „Helfer“, die Arbeiterinnen. (Darin können noch Unterkasten unterschieden werden, z.B. Soldaten). Bei Termiten sind sowohl Männchen als auch Weibchen in Kasten unterteilt.[/font]
[font=Times New Roman]Leider ist der Begriff „Kaste“ wiederum nirgendwo bindend festgelegt; in einem „Freistilringen“ kann jeder versuchen, seine Definition durchzusetzen, oder auch sich gedankenlos der einen oder anderen Richtung anschließen.:mad:[/font]

[font=Times New Roman]Zum andern: Sowohl in dem Abstract als auch in dem Text von Alex Wild fehlt mir eine wichtige Information, nämlich wie die Männchen entstehen.[/font]
[font=Times New Roman]Einer Spermazelle allein kann sich nicht zu einem Embryo entwickeln. Dazu braucht es auf jeden Fall eine Eizelle, mit ihrem sehr differenzierten Plasma, das für den Aufbau der Körpergrundgestalt wichtig ist, und mit Mitochondrien, die in einer Spermazelle nicht, oder in zu geringer Zahl vorhanden sind, während die großen Eizellen damit reichlich ausgestattet sind.[/font]
[font=Times New Roman]In einem anderen Beispiel bei Ameisen (und da verlässt mich gerade die Erinnerung; vielleicht kann’s mal jemand nachschlagen, bei welcher Art das ist?) ist das Problem so gelöst, dass ein Teil der Spermien, statt das Ei zu befruchten und mit dem Eikern zu verschmelzen, das haploide Genom im Ei (das ja von der Königin stammt) abtötet und durch das eigene (rein vom Männchen) ersetzt. So können tatsächlich Männchen mit ausschließlich väterlichem Genom entstehen. (Abgesehen natürlich vom mitochondrialen Genom, das dann dem der "Mutter" entsprechen müsste).[/font]
[font=Times New Roman](Die nicht-mörderischen Spermien werden benötigt um Arbeiterinnen zu erzeugen).[/font]

[font=Times New Roman]Vermutlich läuft das im Falle von Paratrechina longicornis ebenso ab, aber anscheinend steht das dann nur in der Originalarbeit.[/font]

[font=Times New Roman]MfG,[/font]
[font=Times New Roman]Merkur[/font]
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