Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Unterfamilie: Formicinae

Re: Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Beitragvon Chris Quinn » 11. Juni, 2017, 16:02

5.6. Jetzt wird's langsam enge: die dritte und letzte Königin hat eine Pygmäe geboren! Sie brauchte also nur etwa 320 Tage...

Andererseits, wenn man seit Beendigung der Winterruhe rechnet, so dauerte die Entwicklung bis zum Schlupf etwa 2 Monate, was im Rahmen des Normalen liegen dürfte. Vielleicht also hat die Gyne die Entwicklung vor der Winterruhe aufgrund schlechter Bedingungen verzögert, hoffend, daß sie sich in der folgenden Saison verbessern werden.

Beim nächsten Mal werde ich die Nestkammer im Reagenzglas auf jeden Fall kleiner gestalten. Vielleicht war die schlechte Entwicklung durch die unpassenden Ausmaße bedingt.

Abgesehen davon möchte ich meinen Einstieg in die Ameisenzucht damit als erfolgreich betrachten. Als ich die Tiere im letzten Sommer aufgelesen hatte, hatte ich nicht geglaubt, daß sie alle die Winterruhe überleben würden, und nun haben alle drei Nachwuchs.

Die Erfahrungen, die mir durch die Beschäftigung mit diesen Tieren bisher zuteil wurden, waren bisher sehr lehrreich und schön.

Das Nest mit der ältesten Pygmäe scheint wohlauf. Die Bautätigkeit wurde eingestellt und man wuselt lieber herum, schaut mal hier und nascht dort. Es wird auch begonnen die dritte Dimension zu erkunden. Die Pygmäe hat sich öfter den Eingang des frischen Nestes angeschaut, jedoch konnte ich leider nie beobachten, daß sie es auch von innen inspiziert hätte - kommt Zeit, kommt Rat, kommt Fuselbart.

Ich freue mich hoffentlich bald ein kleines Schwesterlein zu sehen!

Die Pygmäe des mittleren Nestes fängt auch schon den Nesteingang zuzubauen - natürlich integrierte sie die Futterschale in ihr Bauwerk.

6. 6. Ich habe das letzte Nest in eine Box gesetzt. Bei der Gelegenheit bemerkte ich, daß in diesem Nest bereits 3 Pygmäen geschlüpft waren! Ich bin mir sehr sicher, daß vor einer Woche noch keine zu sehen war.

Mir schwante etwas: und diese Schwanung wurde durch ein Blick unter die Nestabdeckung bestätigt: im mittleren Nest saßen 4 Pygmäen, macht mit der einen, die in der Box wuselte, bereits 5 Pygmäen.

Wie es in dem alten Nest aussieht, darüber kann ich nur spekulieren. Aufgrund seines zeitlichen Vorsprungs, kann es eine großes Vielfaches der Menge an Tieren enthalten. Das ist langsam beängstigend.

So kann ich meinen Tieren eigentlich nur gratulieren, wie sie mich zum Narren gehalten haben: die Schlaufähen haben immer nur eine auf Patrouille geschickt haben, um den Ball flach zu halten und den Anschein zu erwecken, kein Wässerchen trüben zu können. "Schau doch nur, wie klein und schwach - hust, hust - unsere Kolonie ist: gib uns doch bitte etwas Futter!" Ab jetzt werden andere Saiten aufgezogen...

Nachtrag: Als wüßten sie, daß ich geschrieben habe ihnen auf die Schliche gekommen zu sein, zeigten sich noch am Abend mehrere muntere Pygmäen außerhalb ihres Nestes. Da bleibt mir nur eine logische Folgerung: sie können meine Gedanken lesen. Ferner ist damit zu rechnen, daß sie sie sogar kontrollieren können. Jetzt heißt es kühlen Kopf bewahren!

7. 6. ff Wie unterschiedlich sich die Tiere verhalten: die Pygmäen des jüngsten Nestes haben sich noch nicht gezeigt, jedoch sind sie da, weil die Fliegenteile bewegt wurden. Indes haben sie diese nicht ins Nest transportiert. "Wir sind zu klein und schwach - hust, hust - könntest du uns das Futter etwas kleinmachen und ins Nest legen?" Netter Versuch...

Nachtrag: Auch hat diese Kolonie es bislang unterlassen den Eingang zu verschließen. Dafür hat sie das Fliegenstück unter das mit Honigwasser getränkte Taschentuchstück gestopft. Soll mir recht sein. Es ist mir schon anderweitig aufgefallen, daß Ameisen Insektenteile zu feuchten Stellen transportieren.

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Re: Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Beitragvon Chris Quinn » 11. Juni, 2017, 21:54

11.6. Mittlerweile spazieren die Pygmäen meiner ältesten Kolonie zu mehren tagsüber durch das Formikarium. Ich wollte sie ein wenig aus der Reserve locken und habe ihnen eine große Mücke o.ä. zum Fraß vorgeworfen.
Einerseits wollte ich einfach sehen, ob es ihnen gelingt mit dem Brocken fertigzuwerden, andererseits hoffte ich, daß zur Bewältigung dieser Arbeit möglichst viele Helferinnen rekrutiert würden, um so einen besseren Überblick darüber zu erlangen, wieviele Pygmäen das Nest mittlerweile überhaupt umfasst.

Es zeigten sich dabei nie mehr als 4 Pygmäen. Aufgrund der mir bekannten Zahlen aus den jüngeren Nestern, mag ich nicht glauben, daß dies die gesamte Mannschaft ist. Insofern steht es - wieder einmal - 1:0 für Lasius im Spiel um die Krone im Reich der Tiere.
Es zeigte sich aber auch, daß die Mädels nicht die hellsten zu sein scheinen, denn sie versuchten das Tier ins Nest zu transportieren. Tatsächlich schafften sie es bis zum Nesteingang, was schon nicht so einfach war, da sich dieser nicht auf Bodenhöhe befindet und nur über ein kleines, wackeliges Ästchen erreichbar ist, doch dann scheiterten sie an dem Geraffel, mit dem sie den Eingang verrammelt haben.

Das Nest hat zwei Zugänge, falls ein Ast einmal abrutschen sollte. Es stellte sich von Anfang an heraus, daß sie fast ausschließlich den Ast wählen, der seitwärts am Strohhalm anliegt, nicht aber den Ast gerade herunter. Diese Präferenz bleibt auch bestehen, wenn ich die Stöckchen austausche. Der Vorzug dürfte sich also nicht durch eine intensivere Duftspur erklären lassen.
Trotzdem haben die Tiere einmal versucht ihre Beute auch über diesen Weg ins Nest zu schaffen.
Da ich sowieso geneigt bin ihre Fähigkeiten über den grünen Klee zu loben, möchte ich dies dann doch für einen Hinweis der Pygmäen räumliches Vorstellungsvermögen und analytische Denkweise zu interpretieren.

Nach mehreren akrobatischen Fehlschlägen zerteilten sie schließlich den Kadaver und trugen die Teile ins Nest. Den sperrigen Rest, d.h. den Torso mit Flügeln und Beinen, haben sie unter dem Nesteingang abgelegt [versteckt?], von wo ich ihn entsorgt habe.
versuch_mücke_ins_nest_zu_bringen.zip
Dauer: ca. 50 Sekunden
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Leider habe ich zu spät bemerkt, daß der Bildausschnitt so ungünstig gewählt ist, daß sich die Aktion etwas verdeckt am unteren Bildrand abspielt.

Die Kleinen werden heute Nacht bestimmt durchschlafen!
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Re: Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Beitragvon Chris Quinn » 18. Juni, 2017, 15:20

14. 6. Heute habe ich meine jüngste Kolonie an ein Forenmitglied verschickt - ich hoffe, daß sie wohlbehalten bei ihrem neuen Halter ankommt und es ihnen besser ergeht als in dem Ringelnatz Gedicht.

Ich plane, meine älteste Kolonie in die nun freigewordene Box umzusetzen, da ich das Nest dort unbeweglich in einer Mulde im Gipsgrund lagern kann, sodaß das Nest für die Ameisen einfacher zugänglich sein wird, da sich der Eingang dann auf Bodenhöhe befindet. Das Eintragen großer Futterstücke war zwar anders immer recht spektakulär zu beobachten, aber ich will ihnen ihr Dasein auch nicht unnötig beschweren.

Ich frage mich, ob die neuen Bewohner den Duft der alten Kolonie noch wahrnehmen werden können, und wie sie darauf reagieren. Ich lasse die Box noch ein paar Tage auslüften.

Hauptsächlich freue ich mich darauf einmal wieder einen Blick ins Nest werfen zu können.

16.6. Die Kolonie ist schnell und wohlbehalten beim neuen Halter angekommen.

Ferner gab es den ersten Ausbruch - nein, nicht Versuch, sondern freihändiges herumspazieren auf der Außenseite der Box, sowie frecher "Fang' mich doch!" Rufe. Wohl bin ich nicht unschuldig, da ich bisher Ausbruchsschutz für unnötig gehalten habe. Einerseits hat es lange gedauert bis die Pygmäen überhaupt das erste Mal die Wände bekrabbelt haben, andererseits sind es so wenig Tiere, daß es für mich keinen akuten Handlungsbedarf gab.

Da ich das Reagenzglas sowieso in die frei gewordene Box umsetzen möchte, kann ich diese problemlos vorher präparieren.

17. 6. Der Umzug ist erfolgreich abgeschlossen. Der Blick ins das älteste Nest war insofern etwas enttäuschend, weil ich mit mehr Pygmäen gerechnet habe: ich kam auf etwa 10. Die Puppen etc. befinden sich teilweise in und unter der Watte. Die Königin ist ganz schön träge.

blick_ins_nest.jpg


Der Gipsgrund in der neuen Box wurde doch von mir erneuert, weil ich den Eindruck hatte, daß der alte schon etwas Schimmel hatte. Daher wird keine Beobachtung dazu möglich sein, ob die Ameisen eventuell den Duft der alte Kolonie wahrnehmen.

Bei Betrachtung der nächtlichen Aufnahmen ist mir aufgefallen, daß die Pygmäen selten zu zweit durch die Arena spazieren, sondern sich vielmehr abwechseln. Dabei gab es Bilder, die eine Pygmäe am Nestausgang zeigten, während eine andere noch in der Arena war, aber nahe des Eingangs. Dann sieht es so aus, als riefe die Ameise am Eingang die andere herein, denn diese lief nun ins Nest und die andere begann ihren Rundgang.

wachwechsel.zip
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Abgesehen von der Quatschhaftigkeit des Rufens meine ich aber daher schließen zu können, daß nicht nur eine Pygmäe für den Außendienst zuständig ist, sondern mehrere. Wegen dem Krampf von letzter Woche, als die vier Pygmäen die Mücke ins Nest bringen wollten, meine ich vermuten zu können, daß aber auch nicht alle Pygmäen im Außenbereich tätig sind, denn dann hätten sich vielleicht mehr Pygmäen an der Arbeit beteiligt.

Fazit, Ratschlag und Beschluß: Die verflossene Ameisenwoche stand unter dem Zeichen des Aufbruchs zu neuen Horizonten, der Grenzüberschreitung. Langt auch.
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Re: Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Beitragvon Chris Quinn » 25. Juni, 2017, 17:22

Mittlerweile sind die nächtlichen Aktivitäten meiner ältesten Kolonie so zahlreich, daß ich nicht mehr in der Lage bin, alle Aufnahmen tatsächlich anzusehen. Zumal in der Regel auch keine besonderen Aktivitäten zu bemerken sind - wenn man bedenkt, daß bis vor ein paar Wochen schon ein einfacher Spaziergang der ersten Pygmäe für Aufregung bei mir gesorgt hat!

Insbesondere habe ich diese Woche einen Brummer verfüttert, den ich nicht aufgeschnitten hatte. Halb hatte ich es vergessen, halb war ich neugierig, ob sie nicht auch so damit klarkämen. Darauf waren die Ameisen die ganze Nacht ohne Pause mit der Fliege beschäftigt. Am nächsten Tag habe ich mir den Brummer angeschaut und für mich sah er völlig unversehrt aus, was mich nicht wenig überrascht hat angesichts der Aufnahmen, die geschäftiges hin- und herlaufen zwischen Nest und Futter zeigen.

Gut hat mir aber die Rekrutierung der Tiere gefallen, weshalb ich den entsprechenden Ausschnitt hier teile. Die erste Aufnahme zeigt die Arbeiterin, wie sie von der Fliege zum Nest läuft. Im Nest verbleibt sie etwa für 50 Sekunden, in welcher Zeitspanne eine weitere Arbeiterin die Fliege entdeckt hat, und welchen Zeitraum ich aus der Aufnahme herausgeschnitten habe. Dann treten 3 Arbeiterinnen aus dem Nest, um zur Fliege zu laufen. Ich vermute die erste der drei ist die selbe Arbeiterin, die vorher das Nest betreten hat. Ich finde, sie läuft als hätte sie die Hosen voll.

Rekrutierung.zip
1. Futterfund
2. Rekrutierung
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Damit ich nicht letztendlich täglich mehrere Gigabyte - reinen - Datenmüll produziere, bin ich dazu übergegangen, die gesammelten Daten wenigsten statistisch auszuwerten, d.h. den zeitliche Verteilung der Aktivitäten über die Nacht, sowie eine Auswertung der Laufwege der Ameisen.

Die Bilder dazu habe ich wegen ihrer Größe ans Ende diese Eintrags gestellt.

Während ersteres ganz gut klappt, bin ich mit letztere noch nicht zufrieden, da das Programm noch nicht in der Lage ist, die Laufwege unterschiedlicher Ameisen voneinander zu trennen. Von weiteren Verbesserungen zu schweigen.

Außerdem habe ich neue Aufnahmen aus den Nestern von, naja, bescheidener Qualität sowie Allotria.

nest1_klein.jpg


nest2_klein.jpg


fliege.jpg


Statistik - Laufwege:
trails.jpg


Statistik - Aktivität:
statistik1.jpg
Schätze, ich fahre auf so was voll ab...


statistik2.jpg

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Re: Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Beitragvon Chris Quinn » 8. Juli, 2017, 18:14

26. 6. ff Ich experimentiere noch in der Frage, welche Form von Kohlenhydraten meines Ameisen am meisten zusagt. In dieser Zeit biete ich nicht mehr jeden Tag Zucker an, sondern nur noch alle 2-3 Tage, und habe den Eindruck, daß sie etwas weniger aktiv sind. Insgesamt kann ich meinen Aufzeichnungen aber entnehmen, daß die Aktivität im Laufe des Monats Juni zugenommen hat mit Höchstwerten am Wochenende, weil ich mich dann mehr um sie kümmere, sie beschäftige und besonders füttere.

Wie z.B. es das erste Mal Spinne gab. Halter berichten, daß Spinnen sehr gut angenommen werden, aber meine Ameisen haben nicht besonders reagiert. Es ist überhaupt für mich überraschend, daß sie sich an eine Spinne herantrauen, selbst wenn sie tot ist. Natürlich hat die Pygmäe mich gefoppt, indem sie ein wenig herumgetaumelt ist, nachdem sie von den Spinnensäften gefressen hatte, sodaß ich das schlimmste - eine Vergiftung o.ä. Spinnensauereien - annahm.
Schnell fischte ich den Spinnenkadaver aus der Arena und genauso schnell lief sie wieder normal.

Ihre Reaktion auf Brummer und Mücken haben mir da schon eher Respekt abgenötigt. Auch Blattläuse, ganz entgegen meiner Erwartung, haben sich als Futter entpuppt, das sie scheinbar nur etwas probiert haben, weil sie wußten, daß ich zusah und sie mich nicht enttäuschen wollten - nicht, daß ich ihnen böse sein könnte.

Weil's immer wieder so beeindruckend ist, noch eine Aufnahme davon, wie eine Arbeiterin einen Brocken Brummer zum Nest schleppt. Er passt natürlich nicht durch den Eingang, aber sie - ich nenne sie Herkuleuse - versucht es trotzdem.

futterbrocken_ins_nest.zip
(73.43 MiB) 11-mal heruntergeladen


An kohlehydratfreien Tagen bot ich gelegentlich Obst an, nachdem ich dies mehr oder weniger aufgegeben hatte, da sie, wenn sie es denn einmal beachtet und keinen Bogen darum geschlagen hatten, stets so getan haben, als würden sie einen elektrischen Schlag bekommen, wenn sie es berühren. Nun aber, in relativ mageren Zeiten, konnte ich beobachten, daß doch daran gelecken können, ohne daß es irgendwelches Getue geben muß. Am liebsten gäbe ich ihnen Obst als einzige Zuckerquelle - dies sollte für sie am artgerechtesten sein.

Auch versuche ich das Futter an unterschiedlich Stellen in der Arena anzubieten, um das ganze abwechslungsreich und den Transport ins Nest auch nicht zu einfach zu machen.

Ich habe mich gefragt, ob Ameisen wohl so etwas wie einen Spieltrieb kennen. Natürlich ist nicht wirklich davon auszugehen, aber folgende Beobachtungen haben mich dazu angeregt:
1. Eine Arbeiterin ist mit irgendetwas beschäftigt. Eine andere "pirscht" sich von hinten an sie heran, worauf hin die andere "erschrocken" davon flitzt.
2. Ich biete die Nahrung auf durchsichtigen, gewölbten Plastikschnipseln an. Einige Arbeiterinnen kriechen unter die Schnipsel, und weil sie gewölbt sind, wird der Spalt immer enger, bis es keinen Weg mehr gibt. Trotzdem scheinen einige Arbeiterinnen gefallen daran zu finden, sich so weit sie kommen unter das Plastik zu schieben.

Zum Schluß noch eine Aufnahme, aus der ein mittelmäßig begabter Hollywood-Regisseur vor 60 Jahren sicherlich zu einem abendfüllenden Horrorfilm inspiriert hätte - eine Zufallsaufnahme.

vergroesserung.zip
Reicht *vielleicht* um die kleine Schwester zu erschrecken
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Re: Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Beitragvon Chris Quinn » 16. Juli, 2017, 18:39

9. 7. ff Wer die Wissenschaften voranpeitschen möchte, muß auch negative Resultate veröffentlichen: es ist mir bisher nicht gelungen einen sinnvollen Nachweis zu führen, daß meine Ameisen eine Zuckerart einer anderen bevorzugen.

Der experimentelle Aufbau war wie folgt.

Ich habe raffinierten weißen Zucker, braunen Rohrzucker und Honigwasser untersucht. Dabei habe ich gesättigte Zuckerlösungen verwendet und stets die gleiche Menge Zuckerlösung auf ein Stück Zellstoff geträufelt, welches ich in die Arena gelegt habe.
Nach 2-3 Tagen ohne Kohlenhydratzufuhr habe ich meinen Ameisen 2 verschiedene der genannten drei Kohlenhydratquellenangeboten und beobachtet, welcher sie den Vorzug geben. In den Tagen ohne Zuckerangebot habe ich extra Wasser angeboten.

Dem Augenschein nach, ohne ein strenges Meßsystem, nuckeln sie alles ohne Unterschied. Meist konzentrieren sie sich auf die Quelle, die zuerst aufgefunden wird, doch im Laufe der Zeit wechseln sie zwischen den Quellen, ohne klare Präferenz.
Meine vorläufige Schlußfolgerung war, daß sie braunen Zucker den anderen vorziehen, bis ich ihnen zweimal braunen Zucker angeboten habe. Dabei war zu beobachten, daß sie sich nicht anders verhielten, als an den Tagen, an denen sie zwischen unterschiedlichen Zuckerarten auswählen konnten.

An meiner Vorgehensweise ist problematisch, daß das Wasser in den Zuckerlösungen im Laufe der unterschiedlich schnell verdunstet, sodaß die deshalb im Laufe der Nacht zu der Quelle wechseln, die noch feucht ist. Daß die Verdunstung unterschiedlich ablaufen kann, habe ich überprüft. Die raffinierte Zuckerlösung trocknete, wie erwartet, indem sie zu einer dünnen Kruste kristalisierte, während brauner Zucker eine feste Oberfläche mit flüssigem Kern bildete.
Außerdem könnte der relative Kohlenhydratmangel das Ergebnis insofern verfälscht haben, als daß sie aufgrund des erhöhten Bedarfs weniger auf ihre Vorlieben geachtet haben.
Auch daß es so eine kleine Kolonie ist, und daher immer nur wenige (2-4) Ameisen an den Zuckerquellen zu sehen waren, könnte mein augenscheinliches Urteil verfälscht haben. Hätte ich mir die Mühe gemacht, genauer zu messen, etwa Ameisenminuten an einer Zuckerquelle, wäre vielleicht etwas signifikantes herausgekommen. Dies erscheint mir aber, als zu zeitaufwendig durchzuführen.

Wenn ich den Versuch wiederhole, werde ich jedenfalls durchgängig unversiegbare Quellen anbieten.

Davor möchte ich aber lieber versuchen herauszufinden, bis zu welchen Konzentrationen Lasius niger Zucker schmecken kann.

Was noch: ich habe etwas Gras von Blattläusen besiedeln lassen und den Behälter ins Formikarium der jungen Kolonie gestellt. Eine Ameise hat bereits den ersten Grashalm ihres Lebens beklettert, jedoch habe ich noch keinen Kontakt zwischen Ameise und Blattlaus beobachtet.
Da die Box in einem Schrank ohne viel Lichteinfall steht, erwarte ich nicht, daß sich das Gras lange halten wird, aber ich bin neugierig, ob die Ameisen irgendetwas damit anfagen können. Auch weiß ich nicht, ob die Blattläuse überhaupt auf dieser Pflanze leben.
Ich hoffe inständig, daß sie nicht in den Behälter mit dem Gras umziehen; er ist zwar klein, aber sicher noch immer groß genug für eine kleine Kolonie.

Langsam mache ich mir Gedanken, ob ich einen Umzug meiner älteren Kolonie in ein frisches Reagenzglasnest werde erzwingen müssen, denn der Wasserspeicher ihres zur Zeit bewohnten Nestes ist schon lange leer und ich glaube nicht, daß darin leicht überwintert werden kann, ohne zu vertrocken.

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Re: Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Beitragvon Chris Quinn » 23. Juli, 2017, 15:11

17. 7. ff
Diese Woche war es genau ein Jahr her, daß ich die Gynen in meine Obhut genommen habe. Ich bin nicht sentimental geworden. Ich habe keinen Kuchen gebacken. Niemand hat sich als Ameise verkleidet und mit schwülstigen Gedichten ewige Treue geschworen. Ich möchte, auch im Namen aller Ameisen, behaupten, daß es trotz des holperigen Starts ein für alle beteiligten nicht schlechtes Jahr war. Beim Überfliegen des HBs schon ein paar Dinge bemerkt, die ich beim nächsten anders machen würde.

Der Wochenstart war geprägt durch ziemliche Inaktivität seitens des Insektenvolks - vielleicht habe ich es endlich auch einmal geschafft sie satt zu bekommen, so daß sie nur noch rausgeguckt haben, wenn die Luft im Nest allzu muffig wurde.

Aber zur Feier des Jahrestages habe ich aus einer alten PET Flasche einen breiteren Aufsatz für die Linse gemacht, durch die ich meine nächtlichen Aufnahmen mache. Das ganze ist zwar wackeliger als vorher, aber das Sichtfeld ist sehr viel größer, weshalb ich dabei bleibe. Irgendwie bin ich erst zufrieden, wenn ich aus Haushaltsabfällen ein Provisorium basteln kann.

Da das Paraffinöl aufgefrischt werden mußte, habe ich die Gelegenheit genutzt und ein paar neue Aufnahmen aus dem Glas gemacht - in gewohnter Qualität: d.h. in der einen Hand eine Lupe, in der anderen die Kamera und dann immer feste druff.

nesteinblick1.jpg


nesteinblick2.jpg


nesteinblick3.jpg


Die Aufnahmen zeigen eine Menge an Larven und Puppen - die Kolonie dürfte sich also nicht schlecht entwickeln. Die Königin war praktisch nicht zu erkennen, da die Watte ganz braun ist. Ich weiß von früheren Beobachtungen, daß sich die Ameisen regelrecht in die Watte gegraben haben, weshalb wohl nicht alle Tiere zu sehen sind.
Die Aufnahmen aus dem jüngsten Nest haben nichts vorzeigbares ergeben, dokumentieren aber eine ähnliche Entwicklung.

Mir ist eines Nachts aufgefallen, daß die Ameisen großes Interesse an einem Wassertropfen gezeigt haben, mit dem ich am Abend zuvor ein etwas älteres Stück Futter ungeschickt angefeuchtet hatte. Obwohl ich mich immer bemüht habe für ausreichend Wasser zu sorgen, befürchtete ich nun, daß sie etwas unter Wassermangel leiden könnten, oder ihnen die Darbringungsform als Tropfen auch mehr zusagt, als feuchte Watte o.ä.. Nachfolgende Beobachtungen
konnten dies aber nicht bestätigen: das Interesse speiste sich wohl aus der Tatsache, daß ein totes Insekt in der Flüssigkeit lag.

Der Versuch die jüngste Kolonie für Blattläuse zu interessieren, ist nicht gelungen. Es ist mir auch schon früher aufgefallen, daß sie Blattläuse nicht beachten. Vielleicht würden sie ihre Meinung ändern, wenn es sonst keine Kohlenhydratquellen gäbe. Außerdem schienen die Blattläuse auf ihrer Pflanze nicht zufrieden gewesen zu sein. Ich möchte das ganze bei Zeiten nocheinmal wiederholen.

Schließlich habe ich diese Woche Zuckerwasser in dem frischen Reagenzglasnest angeboten, um ihre Aufmerksamkeit und Gedanken einen sanften Stoß in Richtung Umzug zu geben. Jedenfalls konnte ich sie so in das neue Nest locken, und vielleicht haben sie sogar bemerkt, daß man da drin besser wohnen können müßte. Daß sie aber nicht umgezogen sind, muß ich wohl nur für die Muggels unter den Ameisenhaltern erwähnen. Demnächst werde ich umgekehrte Psychologie
anwenden, um sie zum Umzug zu drängen, aber das durchschauen sie sicher sofort.

Wer sehen möchte, weshalb Ameisen wohl niemals freiwillig ihre Nester mit Watte verschließen würden, sollte sich diese Aufzeichnung ansehen.

in_watte_verfangen.zip
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Sie tat mir schon Leid, aber es ist scheinbar alles gut abgegangen.

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Re: Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Beitragvon Chris Quinn » 6. August, 2017, 17:48

23. 7. ff
Nach dem Blick ins Nest letzte Woche ließ mir folgende Beobachtung keine Ruhe: man sieht deutlich, daß die Larven an der Watte zum Wassertank gelagert werden, während sich die Puppen an der Watte beim Nestausgang stapeln. Dies wurde mir verständlich, nachdem ich gelesen habe, daß Puppen es eher trocken und warm brauchen.

Nur befeuchte ich gerne die Watte am Nestausgang, da der Wasservorrat im Nest schon lange verdunstet ist und ich so einen gewissen Ausgleich schaffen möchte. Daher wunderte ich mich, ob die Befeuchtung nicht sogar schädlich für die Puppen sein könnte, da sie es doch gerne trocken haben. Oder sind meine Befeuchtungsmaßnahmen zu zaghaft, sodaß sie wirkungslos sind?

Jedenfalls habe ich ein kleines Heizelement gebastelt - Ohmscher Widerstand in einen Stück Pappe an Batterie - hoffend, daß sie ihre Puppen vielleicht darauf lagern wollen. Die Vorrichtung erzeugt eine Oberflächentemperatur von ca. 30 Grad Celsius, was sicher nicht zu viel ist. Ich habe das Heizelement aber nicht am Nest befestigt, sondern in der Arena platziert, wo es auch neugierig befühlert, die Nützlichkeit meiner kleinen Erfindung aber nicht erkannt wurde, oder erkannt werden wollte: ein deutliches "meh". Und wer ist Schuld? Natürlich Brüssel!

Desweiteren konnte ich folgende Neuigkeit im Verhalten feststellen. Nachdem die Ameisen meistens große Schwierigkeiten hatten Fliegen etc. durch den schmalen Eingang ins Nest zu bugsieren, es aber trotzdem immer versucht haben und bei Mißerfolg das Futter wenigstens so weit es geht in den Strohhalm gezogen haben, oder das Futtertier unter dem Nesteingang deponiert haben, bin ich dazu übergegangen, die Fliegenflügel abzutrennen und das Futter zu halbieren.
Trotzdem ist es nun schon zweimal vorgekommen, daß die Arbeiterinnen die Fliegenstücke nicht einmal in die Nähe des Nests bewegt haben, sondern sie an Ort und Stelle belassen und dafür zwischen Futter und Nest pendeln.
Dies gilt jedenfalls für die ältere Kolonie, bei der jüngeren habe ich dies so noch nie beobachtet. Bedeutet das etwas? Sind sie dümmer/klüger geworden?

Ich werde demnächst meine erste Fruchtfliegenernte verfüttern und wenn sie sich dann noch immer so verhalten, liegt es sicher nicht an der Größe des Futtertiers.

Pfirsich Marmelade findet kaum Beifall; wieso auch? Ich esse das Zeug schließlich auch nicht, aber manchmal muß man einfach schlucken ohne zu kauen. Das hat noch niemandem geschadet und stärkt den Charakter.

Die Fruchtfliegen Jahrgang 2017 First Flush - Südbalkon hingegen wurden gerne genommen; ich bin immer wieder verblüfft wie schnell sie merken, daß es Futter gibt. Anders als bei den letzten Malen wurden die Fruchtfliegen ins Nest transportieren, um hoffentlich die Larven bei Laune zu halten. Trotz der Kleinheit der Fliegen gab es Probleme beim Einbringen des Futters, was aber nur daran liegt, daß sie niemals den Eingangsbereich aufräumen, dann muß man eben ein paar mal auf die Nase fallen - ich habe kein Mitleid. Ferner schien die eine der anderen ihren Fund nicht zu gönnen, weil sie sich gegenseitig eher das Futter abzunehmen schienen, als es in Kooperation ins Nest zubringen. Wahrscheinlich will jede vor der Königin Punkte sammeln...

fruchtfliege.zip
Für die, die es selber sehen müßen...
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Noch einmal herzlichen Dank, auch von meinen Lasius niger, an Nutzer di4per, der die Fruchtfliegenzucht vorgestellt hat - es hat allen, die keine Fruchtfliegen sind, Spaß gemacht!

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