Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Unterfamilie: Formicinae

Re: Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Beitragvon Chris Quinn » 11. Juni, 2017, 15:02

5.6. Jetzt wird's langsam enge: die dritte und letzte Königin hat eine Pygmäe geboren! Sie brauchte also nur etwa 320 Tage...

Andererseits, wenn man seit Beendigung der Winterruhe rechnet, so dauerte die Entwicklung bis zum Schlupf etwa 2 Monate, was im Rahmen des Normalen liegen dürfte. Vielleicht also hat die Gyne die Entwicklung vor der Winterruhe aufgrund schlechter Bedingungen verzögert, hoffend, daß sie sich in der folgenden Saison verbessern werden.

Beim nächsten Mal werde ich die Nestkammer im Reagenzglas auf jeden Fall kleiner gestalten. Vielleicht war die schlechte Entwicklung durch die unpassenden Ausmaße bedingt.

Abgesehen davon möchte ich meinen Einstieg in die Ameisenzucht damit als erfolgreich betrachten. Als ich die Tiere im letzten Sommer aufgelesen hatte, hatte ich nicht geglaubt, daß sie alle die Winterruhe überleben würden, und nun haben alle drei Nachwuchs.

Die Erfahrungen, die mir durch die Beschäftigung mit diesen Tieren bisher zuteil wurden, waren bisher sehr lehrreich und schön.

Das Nest mit der ältesten Pygmäe scheint wohlauf. Die Bautätigkeit wurde eingestellt und man wuselt lieber herum, schaut mal hier und nascht dort. Es wird auch begonnen die dritte Dimension zu erkunden. Die Pygmäe hat sich öfter den Eingang des frischen Nestes angeschaut, jedoch konnte ich leider nie beobachten, daß sie es auch von innen inspiziert hätte - kommt Zeit, kommt Rat, kommt Fuselbart.

Ich freue mich hoffentlich bald ein kleines Schwesterlein zu sehen!

Die Pygmäe des mittleren Nestes fängt auch schon den Nesteingang zuzubauen - natürlich integrierte sie die Futterschale in ihr Bauwerk.

6. 6. Ich habe das letzte Nest in eine Box gesetzt. Bei der Gelegenheit bemerkte ich, daß in diesem Nest bereits 3 Pygmäen geschlüpft waren! Ich bin mir sehr sicher, daß vor einer Woche noch keine zu sehen war.

Mir schwante etwas: und diese Schwanung wurde durch ein Blick unter die Nestabdeckung bestätigt: im mittleren Nest saßen 4 Pygmäen, macht mit der einen, die in der Box wuselte, bereits 5 Pygmäen.

Wie es in dem alten Nest aussieht, darüber kann ich nur spekulieren. Aufgrund seines zeitlichen Vorsprungs, kann es eine großes Vielfaches der Menge an Tieren enthalten. Das ist langsam beängstigend.

So kann ich meinen Tieren eigentlich nur gratulieren, wie sie mich zum Narren gehalten haben: die Schlaufähen haben immer nur eine auf Patrouille geschickt haben, um den Ball flach zu halten und den Anschein zu erwecken, kein Wässerchen trüben zu können. "Schau doch nur, wie klein und schwach - hust, hust - unsere Kolonie ist: gib uns doch bitte etwas Futter!" Ab jetzt werden andere Saiten aufgezogen...

Nachtrag: Als wüßten sie, daß ich geschrieben habe ihnen auf die Schliche gekommen zu sein, zeigten sich noch am Abend mehrere muntere Pygmäen außerhalb ihres Nestes. Da bleibt mir nur eine logische Folgerung: sie können meine Gedanken lesen. Ferner ist damit zu rechnen, daß sie sie sogar kontrollieren können. Jetzt heißt es kühlen Kopf bewahren!

7. 6. ff Wie unterschiedlich sich die Tiere verhalten: die Pygmäen des jüngsten Nestes haben sich noch nicht gezeigt, jedoch sind sie da, weil die Fliegenteile bewegt wurden. Indes haben sie diese nicht ins Nest transportiert. "Wir sind zu klein und schwach - hust, hust - könntest du uns das Futter etwas kleinmachen und ins Nest legen?" Netter Versuch...

Nachtrag: Auch hat diese Kolonie es bislang unterlassen den Eingang zu verschließen. Dafür hat sie das Fliegenstück unter das mit Honigwasser getränkte Taschentuchstück gestopft. Soll mir recht sein. Es ist mir schon anderweitig aufgefallen, daß Ameisen Insektenteile zu feuchten Stellen transportieren.

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Re: Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Beitragvon Chris Quinn » 11. Juni, 2017, 20:54

11.6. Mittlerweile spazieren die Pygmäen meiner ältesten Kolonie zu mehren tagsüber durch das Formikarium. Ich wollte sie ein wenig aus der Reserve locken und habe ihnen eine große Mücke o.ä. zum Fraß vorgeworfen.
Einerseits wollte ich einfach sehen, ob es ihnen gelingt mit dem Brocken fertigzuwerden, andererseits hoffte ich, daß zur Bewältigung dieser Arbeit möglichst viele Helferinnen rekrutiert würden, um so einen besseren Überblick darüber zu erlangen, wieviele Pygmäen das Nest mittlerweile überhaupt umfasst.

Es zeigten sich dabei nie mehr als 4 Pygmäen. Aufgrund der mir bekannten Zahlen aus den jüngeren Nestern, mag ich nicht glauben, daß dies die gesamte Mannschaft ist. Insofern steht es - wieder einmal - 1:0 für Lasius im Spiel um die Krone im Reich der Tiere.
Es zeigte sich aber auch, daß die Mädels nicht die hellsten zu sein scheinen, denn sie versuchten das Tier ins Nest zu transportieren. Tatsächlich schafften sie es bis zum Nesteingang, was schon nicht so einfach war, da sich dieser nicht auf Bodenhöhe befindet und nur über ein kleines, wackeliges Ästchen erreichbar ist, doch dann scheiterten sie an dem Geraffel, mit dem sie den Eingang verrammelt haben.

Das Nest hat zwei Zugänge, falls ein Ast einmal abrutschen sollte. Es stellte sich von Anfang an heraus, daß sie fast ausschließlich den Ast wählen, der seitwärts am Strohhalm anliegt, nicht aber den Ast gerade herunter. Diese Präferenz bleibt auch bestehen, wenn ich die Stöckchen austausche. Der Vorzug dürfte sich also nicht durch eine intensivere Duftspur erklären lassen.
Trotzdem haben die Tiere einmal versucht ihre Beute auch über diesen Weg ins Nest zu schaffen.
Da ich sowieso geneigt bin ihre Fähigkeiten über den grünen Klee zu loben, möchte ich dies dann doch für einen Hinweis der Pygmäen räumliches Vorstellungsvermögen und analytische Denkweise zu interpretieren.

Nach mehreren akrobatischen Fehlschlägen zerteilten sie schließlich den Kadaver und trugen die Teile ins Nest. Den sperrigen Rest, d.h. den Torso mit Flügeln und Beinen, haben sie unter dem Nesteingang abgelegt [versteckt?], von wo ich ihn entsorgt habe.
versuch_mücke_ins_nest_zu_bringen.zip
Dauer: ca. 50 Sekunden
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Leider habe ich zu spät bemerkt, daß der Bildausschnitt so ungünstig gewählt ist, daß sich die Aktion etwas verdeckt am unteren Bildrand abspielt.

Die Kleinen werden heute Nacht bestimmt durchschlafen!
Chris Quinn
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Re: Haltungsbericht: Lasius niger (Sommer 2016)

Beitragvon Chris Quinn » 18. Juni, 2017, 14:20

14. 6. Heute habe ich meine jüngste Kolonie an ein Forenmitglied verschickt - ich hoffe, daß sie wohlbehalten bei ihrem neuen Halter ankommt und es ihnen besser ergeht als in dem Ringelnatz Gedicht.

Ich plane, meine älteste Kolonie in die nun freigewordene Box umzusetzen, da ich das Nest dort unbeweglich in einer Mulde im Gipsgrund lagern kann, sodaß das Nest für die Ameisen einfacher zugänglich sein wird, da sich der Eingang dann auf Bodenhöhe befindet. Das Eintragen großer Futterstücke war zwar anders immer recht spektakulär zu beobachten, aber ich will ihnen ihr Dasein auch nicht unnötig beschweren.

Ich frage mich, ob die neuen Bewohner den Duft der alten Kolonie noch wahrnehmen werden können, und wie sie darauf reagieren. Ich lasse die Box noch ein paar Tage auslüften.

Hauptsächlich freue ich mich darauf einmal wieder einen Blick ins Nest werfen zu können.

16.6. Die Kolonie ist schnell und wohlbehalten beim neuen Halter angekommen.

Ferner gab es den ersten Ausbruch - nein, nicht Versuch, sondern freihändiges herumspazieren auf der Außenseite der Box, sowie frecher "Fang' mich doch!" Rufe. Wohl bin ich nicht unschuldig, da ich bisher Ausbruchsschutz für unnötig gehalten habe. Einerseits hat es lange gedauert bis die Pygmäen überhaupt das erste Mal die Wände bekrabbelt haben, andererseits sind es so wenig Tiere, daß es für mich keinen akuten Handlungsbedarf gab.

Da ich das Reagenzglas sowieso in die frei gewordene Box umsetzen möchte, kann ich diese problemlos vorher präparieren.

17. 6. Der Umzug ist erfolgreich abgeschlossen. Der Blick ins das älteste Nest war insofern etwas enttäuschend, weil ich mit mehr Pygmäen gerechnet habe: ich kam auf etwa 10. Die Puppen etc. befinden sich teilweise in und unter der Watte. Die Königin ist ganz schön träge.

blick_ins_nest.jpg


Der Gipsgrund in der neuen Box wurde doch von mir erneuert, weil ich den Eindruck hatte, daß der alte schon etwas Schimmel hatte. Daher wird keine Beobachtung dazu möglich sein, ob die Ameisen eventuell den Duft der alte Kolonie wahrnehmen.

Bei Betrachtung der nächtlichen Aufnahmen ist mir aufgefallen, daß die Pygmäen selten zu zweit durch die Arena spazieren, sondern sich vielmehr abwechseln. Dabei gab es Bilder, die eine Pygmäe am Nestausgang zeigten, während eine andere noch in der Arena war, aber nahe des Eingangs. Dann sieht es so aus, als riefe die Ameise am Eingang die andere herein, denn diese lief nun ins Nest und die andere begann ihren Rundgang.

wachwechsel.zip
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Abgesehen von der Quatschhaftigkeit des Rufens meine ich aber daher schließen zu können, daß nicht nur eine Pygmäe für den Außendienst zuständig ist, sondern mehrere. Wegen dem Krampf von letzter Woche, als die vier Pygmäen die Mücke ins Nest bringen wollten, meine ich vermuten zu können, daß aber auch nicht alle Pygmäen im Außenbereich tätig sind, denn dann hätten sich vielleicht mehr Pygmäen an der Arbeit beteiligt.

Fazit, Ratschlag und Beschluß: Die verflossene Ameisenwoche stand unter dem Zeichen des Aufbruchs zu neuen Horizonten, der Grenzüberschreitung. Langt auch.
Chris Quinn
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