Infektionsgefahr durch exotische Ameisen [Infektionsthread]

Weitere wissenswerte Informationen ĂŒber Ameisen und deren Haltung.
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#1 Infektionsgefahr durch exotische Ameisen [Infektionsthread]

Beitrag von Witzman » 8. Juni 2005, 13:42

Der Infektionsthread, der ĂŒber die Gefahren der Haltung informieren soll:
von Witzmann



Ich bitte, ihn nicht zu Diskussionen zu nutzen, sondern dies in einem eigenen Thread zu tun, da er nicht wieder ewig lang werden soll, und ihn sowieso niemand liest. Dieser Thread soll nur fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse beinhalten.

Da ich die Genehmigung von Prof. Buschinger besitze, seine Texte fuer das Ameisenwiki zu nutzen, und ich denke, dass die Warnung auch hier angebracht ist, zitiere ich folgenden Text, um hier auch mal ein paar wissenschaftliche Sichtweisen hier im Forum zu eroertern.



Einleitung

Innerhalb der vergangenen 3 - 4 Jahre hat sich in einigen europĂ€ischen LĂ€ndern, aber auch in den USA, ein zunehmendes Interesse von Privatpersonen entwickelt, Ameisen als Heimtiere zu halten. WĂ€hrend in den USA zumindest der Handel mit Ameisenköniginnen seit lĂ€ngerer Zeit verboten ist, sind in Europa, wo EinschrĂ€nkungen weitgehend fehlen, einige Internet-Shops entstanden, bei denen die Ameisenhalter sowohl lebende Ameisen als auch Formikarien und Zubehör bestellen können. Da diese Shops Ameisen von beinahe ĂŒberall in der Welt anbieten und verkaufen, ist Grund zur Besorgnis gegeben. Informationen ĂŒber den Umfang dieses Handels lassen sich aus einer Anzahl von Internet-Foren gewinnen. Zahlreiche BeitrĂ€ge in diesen Foren berichten u.a. ĂŒber mehr oder weniger umfangreiche Ausbruchsereignisse. Aus den Foren ist weiterhin zu entnehmen, dass die angebotenen Arten in aller Regel nicht identifiziert sind, oft unter falschen Namen verkauft werden, oder allenfalls mit einem Gattungsnamen: z.B. "Pheidole sp.", einer Gattung mit weltweit ĂŒber 900 Arten; unter diesen sind einige bereits als bedeutsame Schadameisen bekannt (z.B. P. megacephala).



1. Das Risiko biologischer Invasionen


Wie bei jeder absichtlichen oder zufĂ€lligen Freisetzung nicht-einheimischer Organismen in einem bestimmten Ökosystem können die exotischen Arten, glĂŒcklicherweise nur in wenigen FĂ€llen, lebensfĂ€hige Populationen etablieren und damit die lokale Fauna verĂ€ndern. Auch bereits als invasiv bekannte Arten können so in LĂ€ndern freigesetzt werden, in denen sie bisher nicht existierten, weil sowohl die HĂ€ndler als auch ihre Kunden als Laien nicht zwischen gefĂ€hrlichen und (vielleicht) harmlosen Arten derselben Gattung unterscheiden können. Welche Arten gefĂ€hrlich sind, lĂ€sst sich nur a posteriori entscheiden, wenn der Schaden bereits eingetreten ist!
Bekannt sind jĂŒngere Beispiele von in Europa invasiven Arten, etwa die "Argentinische Ameise" (Linepithema humile) oder Lasius neglectus, wenngleich deren Ausbreitung vermutlich bisher nicht, oder nicht
wesentlich, durch Handel oder Privathaltung gefördert wurde (z.B. SEIFERT 2000, s.a. IZIKO MUSEUMS OF CAPE TOWN 2004).
Besonders Ameisen sind fĂŒr lokale Faunen ein grĂ¶ĂŸeres Risiko als viele andere exotische Organismen: Ameisen sind in vielen Ökosystemen dominant. Hinzu kommt, dass in der Regel nicht nur ein oder einige wenige Individuen in die Freiheit entkommen, die wahrscheinlich sterben bevor sie sich fortpflanzen können (wie zum Beispiel die zahlreichen Spinnen, TausendfĂŒĂŸler, Skorpione, Gottesanbeterinnen usw., die jedes Jahr aus der Haltung entkommen oder aus Überdruss freigesetzt werden). Über die ökologischen Folgen solcher Invasionen sowie ĂŒber die GrĂŒnde fĂŒr das invasive Verhalten sind u.a. in IZIKO MUSEUMS OF CAPE TOWN (2004) zahlreiche Arbeiten zu finden, s.a. WILLIAMS (1994).
Im Gegensatz zu solitĂ€ren Organismen kann eine komplette Ameisenkolonie, gleich ob sie entkommt oder absichtlich freigelassen wird, viel leichter einen geeigneten Platz finden, an dem sie sich reorganisieren und unter entsprechend gĂŒnstigen Bedingungen auch reproduzieren kann. Mögliche Inzucht zwischen den Nachkommen einer einzigen Königin ist fĂŒr Ameisen nicht immer ein ernsthaftes Problem (z.B. BUSCHINGER 1989, KELLER & FOURNIER 2002), anders als das oft irrtĂŒmlich angenommen wird. Die meisten (potenziell) invasiven Ameisenarten sind ohnehin polygyn (TSUTSUI & SUAREZ 2003), haben mehrere Königinnen in einem Nest, wodurch bereits eine gewisse genetische Vielfalt gegeben ist. Heim-Ameisenhalter bevorzugen im ĂŒbrigen polygyne Arten, weil man glaubt, dass diese in Gefangenschaft lĂ€nger leben und eventuell Königinnen nachzĂŒchten können. Besonders "spektakulĂ€re" Arten sind gesucht, so wie die australischen "Bulldoggen-Ameisen" (Myrmecia spp.), die neuweltlichen Blattschneiderameisen (Atta- bzw. Acromyrmex spp.), Weberameisen (Oecophylla spp.), oder Pheidole-Arten mit ihren auffĂ€lligen Soldaten. Sie alle werden bereits in Deutschland und anderen europĂ€ischen LĂ€ndern zum Verkauf angeboten.



2. Die Gefahr der Entstehung weiterer Schadameisen oder invasiver Arten.

Schon heute kommen in Mitteleuropa etwa ein Dutzend eingeschleppter Ameisenarten vor. Die meisten beschrĂ€nken sich auf WarmhĂ€user, GewĂ€chshĂ€user in Botanischen GĂ€rten und Zoos. Einige befallen WohnhĂ€user, KrankenhĂ€user und Restaurants, darunter natĂŒrlich die Pharaoameise (Monomorium pharaonis), aber auch ein paar Pheidole-Arten. Andere, die in Mittel- und besonders in SĂŒdeuropa im Freien ĂŒberleben, sind die Argentinische Ameise (Linepithema humile) und auch die Wegameise Lasius neglectus (DEKONINCK & al. 2002); s.a. ESPADALER & BERNAL (2004); beide Arten haben das Potenzial zur Ausrottung zahlreicher heimischer Arten.
Die meisten Schadameisen haben sich aus synanthropen Arten entwickelt, die seit langem durch den Handel weltweit verschleppt werden. Heimameisen-Halter und -HĂ€ndler jedoch verlangen stets nach "neuen", "interessanten" Arten. Sammler und HĂ€ndler versuchen entsprechend immer mehr Arten aus der Natur zu entnehmen, darunter auch solche, die nie die Gelegenheit hatten, durch den Menschen verbreitet und verschleppt zu werden. Unter den zahlreichen Pheidole-Arten, die wegen ihrer großköpfigen Soldaten bei Ameisenhaltern besonders beliebt sind, mögen Dutzende von potenziellen Schadameisen sein.
Da sowohl HĂ€ndler als auch Kunden taxonomische Laien sind, können sie die fraglichen Ameisen nicht korrekt identifizieren. Viele Arten werden unter sichtlich falschen (z.B. nicht existenten) Namen verkauft, oder sie werden nur bis zur Gattung bestimmt (z.B. Pheidole sp., Messor sp. und andere). Die Ameisensystematik ist sehr schwierig, sogar fĂŒr die wenigen heute lebenden professionellen Myrmekologen, und viele Ameisengruppen (Gattungen) sind bis heute taxonomisch nicht zufriedenstellend bearbeitet.
Damit ist es fĂŒr HĂ€ndler und Kunden absolut unmöglich zu wissen, ob eine bestimmte Kolonie einer schĂ€dlichen, oder möglicherweise kĂŒnftig schĂ€dlich werdenden Spezies angehört.



3. Die Gefahr des Überspringens von Parasiten und Pathogenen auf einheimische Ameisenarten.

Alle Tiere sind Wirte fĂŒr Parasiten, die in einem fremden Habitat auf dort heimische Arten ĂŒberspringen und diese gefĂ€hrden können, selbst wenn der ursprĂŒngliche Wirt in der neuen Umgebung nicht ĂŒberleben
kann. Dies gilt fĂŒr Milben (Acari), FadenwĂŒrmer (Nematoden), Einzeller (Protozoen), Pilze, Bakterien usw.
Einige Ameisenarten sind bekannt als Zwischenwirte von BandwĂŒrmern (Cestoden). In SĂŒdfrankreich ist eine Tetramorium-Art Zwischenwirt fĂŒr einen Bandwurm, der das Haushuhn befĂ€llt (Gattung Raillietina;
NADAKAL & al. 1971).
Bisher weiß man sehr wenig ĂŒber die Parasitenfauna von Ameisen. Verf. selbst war an einigen Studien beteiligt, ĂŒber BandwĂŒrmer (BUSCHINGER 1973), ĂŒber Pilze (SANCHEZ-PEÑA & al. 1993, siehe auch BUSCHINGER & al. 2004 in diesem Heft), und ĂŒber Gregarinen (Protozoa; KLEESPIES & al. 1997), alles Parasiten in Ameisen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass weit mehr Ameisenarten den einen oder anderen möglicherweise gefĂ€hrlichen Parasiten beherbergen. Mit einer Gregarinenart, die in nordamerikanischen Ameisen der Gattung Leptothorax entdeckt wurde, konnten im Labor europĂ€ische Leptothorax-Arten infiziert werden, und sogar die Pharaoameise. Allerdings wurde diese Art durch den Gregarinenbefall nicht so geschĂ€digt, dass ein Einsatz zur biologischen BekĂ€mpfung der schĂ€dlichen Monomorium pharaonis gerechtfertigt wĂ€re (BUSCHINGER & KLEESPIES 1999). Obwohl bis heute kein Fall einer im Freiland erfolgten Parasiten-Übertragung von nicht-einheimischen auf einheimische Ameisen nachgewiesen worden ist, scheint dies dennoch eine reale Gefahr zu sein.



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#2 RE: Infektionsgefahr durch exotische Ameisen.

Beitrag von Witzman » 8. Juni 2005, 13:43

4. "Intraspezifische Homogenisierung" – ein ĂŒbersehenes Risiko

Mit "intraspezifischer Homogenisierung" ist gemeint, dass nicht nur die Einschleppung fremder Arten in eine native Fauna oder ein Ökosystem gefĂ€hrlich werden kann, sondern auch das Einbringen von Angehörigen einer Art in entfernte Populationen derselben Spezies.
In Europa leben zahlreiche Arten mit sehr großen Verbreitungsgebieten, vom Mittelmeerraum bis in subarktische Regionen. Es ist anzunehmen (und zum Teil bewiesen, z.B. HEINZE & al. 1998), dass ihre lokalen Populationen Anpassungen u.a. an das örtliche Klima entwickelt haben. Werden sie an einen hinreichend entfernten Ort gebracht, gehen sie entweder zugrunde, oder sie hybridisieren mit der ortsansĂ€ssigen Population, wobei deren lokale Anpassung verringert wird. Die vorhandene Untergliederung einer Art in Ökotypen, eventuell Unterarten, wird verwischt, die Art unter UmstĂ€nden eine homogene Mischpopulation, die möglicherweise Anpassungsmerkmale an bestimmte Habitate verliert.
Ein Problem in diesem Zusammenhang besteht auch darin, dass aufwĂ€ndige und teure Forschung ĂŒber Biogegographie und Phylogeographie erschwert oder sogar wertlos wird.
Eine in Europa hĂ€ufig untersuchte Fragestellung ist, ob eine bestimmte Art nach der Eiszeit aus ihrem mediterranen Refugium in die Bereiche nördlich der Alpen ĂŒber die westliche und/oder die östliche Route eingewandert ist. Mit modernen DNS-Techniken ist es möglich, solche Routen zu rekonstruieren; aber wenn eine Art z.B. aus SĂŒdfrankreich im östlichen Österreich freikommt und sich etabliert, kann eine Menge Forschungsarbeit entwertet werden.



Schlussfolgerungen

NatĂŒrlich werden Ameisen nicht nur von den genannten, spezialisierten Firmen eingeschleppt, sondern bisher hauptsĂ€chlich durch den Handel mit Pflanzen, Obst, Holz usw., und viele Kolonien werden auch von Touristen mit nach Hause gebracht.
Aber es ist zu befĂŒrchten, dass der Handel mit Heim-Ameisen die Anzahl importierter Kolonien erheblich steigert, und dass auch zusĂ€tzliche Arten importiert werden. Solche brisanten Organismen werden nicht selten an Kunden ausgehĂ€ndigt, die zum Teil nicht Ă€lter als 12 - 13 Jahre sind!
Es wĂ€re sinnvoll und notwendig, dass Naturschutzorganisationen wie die IUCN die Regierungen aller Staaten ĂŒber diese noch recht junge Entwicklung informieren und die gesetzliche BeschrĂ€nkung des Handels mit lebenden (exotischen) Arthropoden vorschlagen, sowohl im Hinblick auf die Gefahren fĂŒr die jeweils heimische Fauna als auch auf die mögliche Entwicklung weiterer invasiver Arten. Deren Ausrottung ist nur selten aussichtsreich und in jedem Fall sehr teuer (vgl. Feuerameisen, Pharaoameise, Argentinische Ameise usw.; VANDER MEER & al. 1990, MCGLYNN 1999, PIMENTEL & al. 2000, HOLWAY &
al. 2002).



Zusammenfassung

In Europa (Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Spanien und England) ist seit einigen Jahren ein zunehmender Handel mit lebenden Ameisen zu beobachten, die privat gehalten werden. HĂ€ndler liefern ĂŒber das Internet angebotene Formikarien, Zubehör und lebende Ameisen, teils europĂ€ischer Herkunft, aber auch aus Übersee SĂŒdamerika, Indonesien, Australien.
In dem Beitrag werden verschiedene durch diesen Handel begrĂŒndete Risiken diskutiert: Entkommene Ameisen können
(1) sich zu Schadameisen in GebÀuden entwickeln;
(2) als invasive Arten im Freiland auftreten;
(3) Parasiten und Krankheitserreger tragen, die möglicherweise auf einheimische Arten ĂŒberspringen;
(4) native Tier- und Pflanzenzönosen sowie ökosystemare Funktionen beeintrÀchtigen;
(5) auch "intraspezifische Homogenisierung" könnte eintreten.
Verf. empfiehlt den Regierungen aller Nationen, den Handel mit lebenden wirbellosen Tieren, besonders mit Ameisen sowie auch anderen exotischen Arten, fĂŒr kommerzielle und nicht-wissenschaftliche
Zwecke zu unterbinden. Ausnahmegenehmigungen sollten nur erteilt werden, wenn ausbruchsichere Haltung garantiert werden kann.



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#3

Beitrag von Witzman » 16. Juli 2005, 18:53

Mal ein weiteres kleines Beispiel, was invasive Ameisen an FolgeschĂ€den verursachen können. Es scheinen sich ja nicht alle im klaren darĂŒber zu sein, was alles passieren kann.


Viele Pflanzenarten verlassen sich bei der Verbreitung ihrer Samen auf die Hilfe von Ameisen. Als Anreiz dient den Ameisen ein schmackhaftes und nĂ€hrstoffreiches AnhĂ€ngsel der Samen, das so genannte Elaiosom. Je weiter dabei die Samen von der Mutterpflanze weggetragen werden, desto schneller kann sich die Pflanze ĂŒber ein grĂ¶ĂŸeres Gebiet ausbreiten.

Diese Kooperation zwischen den Ameisen und den Pflanzen wird jedoch zunehmend von fremden Ameisenarten gestört, die aus anderen Regionen einwandern oder eingeschleppt wurden. Viele der neuen Arten sind kleiner und nicht so krĂ€ftig wie die einheimischen Ameisen. Die Folge: Sie können die schweren Samen nur ĂŒber kurze Distanzen tragen. Selbst kleine GrĂ¶ĂŸenunterschieden hĂ€tten starke Auswirkungen auf die Pflanzengesellschaften, denn oft transportieren die kleinen Ameisen die Samen erst gar nicht zu ihrem Nest, erklĂ€rt Ness. Die Tiere fressen die Elaiosomen an Ort und Stelle und lassen die Samen dann einfach liegen. Die Pflanzensamen werden dann oft von Nagetieren gefressen.

So verdrĂ€ngte die Argentinische Ameise in SĂŒdafrika die einheimischen Ameisenarten. Das fĂŒhrte zu einer reduzierten Zahl von SĂ€mlingen, die sich bei den beobachteten Pflanzen ausschließlich in der NĂ€he der Mutterpflanze befanden. Nun möchte sich das Forscherteam mit der Frage beschĂ€ftigen, ob sich die zugewanderten Arten noch in anderen Punkten von den heimischen unterscheiden und wie sich diese Unterschiede auf die Ökosysteme auswirken.
(ddp/bdw – Oliver Schmid gefunden auf www.wissenschaft.de)



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#4

Beitrag von Witzman » 2. August 2006, 11:54

Koelner Stadt-Anzeiger hat geschrieben: Kahlfraß durch tropische Ameisen

VON ALEXANDRA KLAUS, 02.08.06, 07:13h

Köln - Die Wildrosen waren als Erste dran. Fein sĂ€uberlich waren die BlĂ€tter vom Ă€ußeren Rand her abgesĂ€belt. Karl Ditz musste nicht warten, bis auch die Fuchsien und der Hibiskus in seinem Garten kahlgefressen waren, um die fĂŒr den Schaden verantwortlichen ÜbeltĂ€ter zu entdecken: Schon bald sah der pensionierte LandschaftsgĂ€rtnermeister regelrechte Straßen ungewöhnlich großer, krĂ€ftiger Ameisen durch seine GrĂŒnanlage ziehen. „Es waren schwarze Karawanen, die vormittags und in den Abendstunden das abgefressene GrĂŒn und BlĂŒtenreste wegtransportierten“, erinnert sich Ditz an die AnfĂ€nge der Plage zur Osterzeit.

ZunĂ€chst versuchte Ditz, die Insekten mit herkömmlichen Mitteln zu bekĂ€mpfen. Erfolglos: „Die torkelten zwar zunĂ€chst ein wenig, liefen dann aber unbeeindruckt weiter.“ Seine Tochter Sabine Ditz, als Biologielaborantin ebenfalls an dem ungewöhnlichen Fund interessiert, ergĂ€nzt: „Die Ameisen sind sehr raffiniert: Wann immer wir BekĂ€mpfungsmittel auslegten, suchten sie sich neue Wege.“ Der Kölner und seine Tochter begannen daraufhin, Nachforschungen anzustellen, recherchierten im Internet und brachten schließlich ein GefĂ€ĂŸ mit den Ameisen zum Kölner Zoo. Die Experten dort waren erstaunt und bestĂ€tigten, dass es sich um Blattschneiderameisen handeln mĂŒsse, die zwar im Kölner Zoo ebenfalls gehalten werden, aber in Europa in freier Natur nicht vorkommen.

Ditz kann sich die Herkunft erklĂ€ren: Ein Nachbar, dessen Haus direkt an seines angrenzt, sei schon mehrfach dadurch aufgefallen, dass er tropische Tiere halte. Zum NachbargrundstĂŒck fĂŒhrten auch die Ameisenstraßen. „Im Internet werden diese Ameisen hoch gehandelt“, hat seine Tochter recherchiert. Als sich jĂŒngst auch Anwohner umliegender GrundstĂŒcke ĂŒber die Ameisen beschwerten, verstĂ€ndigte Ditz den Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen in Bonn.

„Wir haben sofort zwei Mitarbeiter nach Holweide geschickt, damit sie sich den Garten ansehen, und sie waren sehr bestĂŒrzt ĂŒber den enormen Schaden“, bestĂ€tigt Dr. Reiner Schrage, Fachbereichsleiter Pflanzengesundheitsdienst, auf Nachfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Einige Exemplare seien bereits in seinem Amt bestimmt und als Blattschneiderameise „Atta cephalotes“ identifiziert worden, die in SĂŒdamerika vorkommt. Obwohl Experten der Kammer zu „99,9 Prozent“ sicher sind, sollen Fachleute des Bonner Museums Koenig den Fund nun nochmals bestimmen.

„Wir sind alarmiert, denn diese Ameisen haben in unseren Gefilden ĂŒberhaupt nichts zu suchen“, sagt Schrage. Die krĂ€ftig gebaute Insektenart - Soldaten können bis zu 23 Millimeter groß werden, Königinnen bis zu 35 Millimeter - könne sich explosionsartig vermehren und riesige Kolonien von mehreren Millionen Exemplaren bilden. Der Schaden durch abgefressene Pflanzen, aber auch die Ausbreitung einer nichtheimischen Art werde von Fachleuten sehr kritisch beurteilt. Weil nicht ausgeschlossen sei, dass die Ameisen in WohnrĂ€umen ĂŒberwintern, sei inzwischen das Kölner Amt fĂŒr Umwelt und Verbraucherschutz informiert worden.

Die BekĂ€mpfung ist laut Schrage „außerordentlich schwierig“. Es mĂŒssten aber bald Maßnahmen ergriffen werden, die alle betroffenen GĂ€rten einbeziehen - auch das GrundstĂŒck, von dem vermutet wird, dass sich dort das Nest befindet. „Wir gehen davon aus, dass die Ameisen von dem NachbargrundstĂŒck kommen, wo sie gezĂŒchtet worden sind“, bestĂ€tigt Schrage die Vermutung Ditz'. Schließlich fĂŒhrten die Ameisenstraßen dorthin. GestĂŒtzt wird diese Annahme durch die Aussage der amtlichen TierĂ€rztin des VeterinĂ€ramtes Köln, Dr. Claudia Behlert: Sie bestĂ€tigt, dass sie bereits zweimal vor Ort war, weil der Nachbar Reptilien hielt und sie nachprĂŒfen wollte, ob er auch damit handelte. Hinweise auf Handel habe sie nicht gefunden, aber es sei durchaus denkbar, dass die Ameisen von dort kĂ€men.

Jedenfalls sei nahezu ausgeschlossen, dass die Insekten „zufĂ€llig“ aus SĂŒdamerika eingeschleppt worden seien. „Da hat jemand gezĂŒchtet, und wir gehen davon aus, dass die Ameisen nicht artgerecht gehalten wurden und dem ZĂŒchter »abgehauen« sind.“ In biologischer Hinsicht seien die Ameisen sehr interessant, weshalb sie tatsĂ€chlich „Sammlerwert“ hĂ€tten. So fressen sie beispielsweise die abgeschnittenen BlĂ€tter nicht etwa, sondern hĂ€ufen diese unter der Erde zu einer Art Komposthaufen. Auf diesem Haufen wĂ€chst ein Pilz, von dem sich die Ameisen ernĂ€hren. „Aber die ZĂŒchter und Sammler unterschĂ€tzen völlig, was sie fĂŒr einen Schaden anrichten können“, sagt Schrage.

Ciao
Witzman



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