Temnothorax sp. im Kiefer - rückwirkend seit 2015

Unterfamilie: Myrmicinae

Temnothorax sp. im Kiefer - rückwirkend seit 2015

Beitragvon Safiriel » 22. April 2018, 12:33

April 2015
Epilog
Es war einmal eines schönen Arbeitstages der einen ameisenaffinen Imker auch nach Wildungsmauer führte. Wildungsmauer liegt für mich unwissende Deutsche irgendwo unweit der Donau, irgendwo zwischen Wien und Bratislava. Unser Imker hatte in näherer Zukunft eine Reise zu seiner Ameisenfreundin nach Wesseling geplant. Das bin ich. (Ich erlaube mir hier mit Stolz ein wenig besitzergreifend zu sein.)
Für unseren Imker stellte Wildungsmauer keineswegs einen fremden Ort dar, befand er sich doch am Rande seines Reviers.
An diesem Tag muss er an seine Ameisenfreundin gedacht haben, denn als er unweit des Bienenstandes einen halben Unterkiefer auf dem Boden liegen sah, zögerte er keinen Augenblick und nahm ihn mit. Den Rest des Tages verbrachte der Unterkiefer in einem Sack auf der Ladefläche eines Wagens. Dort wartete er auf den Feierabend um mit nach Hause genommen zu werden.
Später reiste er in einer Tüte von Wien nach Oberösterreich um eine? zwei? Wochen später im Zug nach Wesseling zu reisen.

Konnte es ein perfekteres Gastgeschenk geben, als einen Kiefer vom Bienenstandort?
Ein Mitbringsel von Österreich nach Deutschland.
Von Ameisenfreund zu Ameisenfreundin.
Vom Imker zur Zahntechnikerin?

Ja, das konnte es ...
... DIESEN Kiefer!

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Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rückwirkend seit 2015

Beitragvon Safiriel » 22. April 2018, 13:09

Währenddessen in Wesseling
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt meine Camponotus herculeanus, die nach der ersten WR auf 1 Arbeiterin geschrumpft ist, Lasius niger und Lasius flavus.
Von Temnothorax sp. hatte ich bereits gelesen. Camponotus herculeanus stellt die zweitgrößte Ameisenart in Deutschland dar, Temnothorax in etwa die zweitkleinsten. Beide leben durchaus miteinander, wobei sich spezielle Verhaltensweisen zeigen.
Beispielsweise wusste ich, dass die Eingänge zu den Nestern von Temnothorax so klein sind, dass keine größere Ameise hindurch passt. Ich machte mich auf die Suche. Jede Eichel unter jeder Eiche der Umgebung wurde umgedreht und begutachtet. Ich fand nicht eine Temnothorax und war mir bald sicher: Hier gibt es keine!
Die Autobahn ist schuld, die Stadt, was auch immer. Hier gab es derlei nicht.

Die Ankunft meines Ameisenfreundes erwartete ich mit größter Aufregung und Vorfreude. Da kam aus einem anderen Land, aus einer völlig anderen Lebenswelt nicht nur mein Vorbild der Ameisenhaltung, nein es war auch noch ein etwa gleichaltriger Mann und keiner von uns war vergeben. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Hätte ich mir im Vorfeld drei Gedanken darüber weniger gemacht, wäre ich vielleicht auch kein völlig durchgedrehtes, nervöses Bündel gewesen.

Mein Ameisenhaltungsvorbild konnte offensichtlich aus seiner Erfahrung mit Bienen schöpfen und so gelang es ihm, mich vom Schwirren dreier Bienenvölker kurz vorm Wetterumschwung wieder auf ein normales Tempo zu bringen. (Ich glaube ein Löffel Honig hat dabei geholfen.)
Wissen und Lasius flavus von denen wir hier berichteten lasius-flavus-underground-studie-t53553.html brachte er mit. Ich blamierte mich prompt an besagter Bushaltestelle ameisen-und-blattlause-beobachtungen-an-der-haltestelle-t52926.html , indem ich kundtat, dass es in meiner Umgebung keinerlei Temnothorax gebe. "Doch" grinste er, "da!" Er wies auf eine Stelle etwa 30 cm von meinem Fuß entfernt und dort an der Bushaltestelle war sie - die erste freilaufende Temnothorax sp., die ich je gesehen hatte! Was für eine Blamage!

Der Kiefer offenbart sein Geheimnis
Ich hielt mein perfektes Gastgeschenk in den Händen. Ich kenne mich mit Jagen oder so gar nicht aus. Aber dieser Kiefer hier gehörte zu einem Pflanzenfresser. Nicht ausgewachsen, die Dentition war noch nicht abgeschlossen. Die Zähne zeigten kaum Gebrauchsspuren. Als ich den Kiefer mit Wasser abspülte um ihn etwas zu reinigen, sah ich die erste Temnothorax sp. darauf herumlaufen, und dann die zweite.
Wahnsinn! Sollten die beiden Ameisen so lange mit dem Kiefer gereist sein?
Mein Gast beharrte darauf, dass eine Kolonie im Kiefer wohne. Wo sonst sollten die beiden her kommen? Ehrlich gesagt erklärte ich ihn insgeheim für verrückt. Dennoch: Er bestand darauf, dass ich einen Tropfen Honig (oder war es Zuckerwasser?) bereitstellte und binnen kürzester Zeit tummelten sich rund 50 (!) niedlichste Temnothorax sp. drum herum.

Nun musste ich glauben, dass der Kiefer ein Nest war. Oder ein Zweignest? Er versicherte mir, dass wenn 50 Arbeiterinnen hungrig raus kommen, dass es dann darinnen sicherlich Königin und Brut gäbe. Ich war ungläubig und wurde eines Besseren belehrt.

So bekam mein Esstisch Gäste, die ihn nur für die Winterruhe verließen, bis sie gestern umzogen.

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Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rückwirkend seit 2015

Beitragvon Safiriel » 22. April 2018, 13:16

Juni 2015
In der nächsten Zeit war ich fleißig. Zunächst belagerte ich einen Zahnmorphologen, der bestätigte, dass es sich um Rotwild handele. Dann musste ein Kumpel mit anständiger Spiegelreflexkamera und Stativ Bilder machen, die ich wiederum an einen Myrmekologen schickte, der bestätigte, dass es sich tatsächlich um Temnothorax nylanderi handele.

Einige der Bilder konnte ich wiederfinden. Sie zeigen sehr schön, dass Temnothorax innerhalb eines Nestes keineswegs gleichgroß und schon gar nicht identisch gefärbt sind.

Pünktlich gegen 22 Uhr auf meiner Geburtstagsfeier (mit Übernachtungsgast mit ausgeprägter Abneigung gegenüber Insekten) Ende Juni erlebte ich dann den ersten Schwarmflug in meinem Wohnzimmer.
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Ab jetzt war auch mir klar, dass ich ein komplettes Volk beherberge.

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Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rückwirkend seit 2015

Beitragvon Safiriel » 22. April 2018, 13:34

Das Jahr 2016
verlief einigermaßen ruhig.

Noch immer lebten die Ameisen im Kiefer in einer offenen Lebensmitteldose. Paraffin schützte vor dem Ausbrechen. Inzwischen hatte ich gelernt so kleine Honigtropfen zu setzen, dass sie nicht kleben blieben. Damit der Kiefer nicht umfiel, hatte ich einen kleinen Ständer aus Knetsilikon gebastelt.
Die WR hatte mir einige unbegründete Sorgen bereitet.
Dank der fehlenden Einsicht und einem nicht vorhandenen Wassertank konnte ich die richtige Feuchtigkeit schlecht einschätzen. Ich befeuchtete also ob und zu ein Küchentuch, legte es in die Dose, nur um dann regelmäßig das Kondenswasser abzuwischen.
Trockenheit und Schimmel wollte ich beide vermeiden.
Im März 2016 wurden sie schnell munter. Sofort nahmen sie Honig und Proteine an. Bei meinen Gästen wurden sie immer beliebter. Zunächst zeigten sie sich abwehrend gegen Insekten auf dem Esstisch, aber zunehmend wurde ich gefragt, ob man ihnen auch einen Krümel hiervon oder davon anbieten dürfe. So kleine langsame Ameisen stellten wohl doch keine Bedrohung dar.
Allerdings gab es wieder genau an meiner Geburtstagsfeier (den ich fast 2 Wochen früher feierte als im Jahr zuvor) einen Schwarmflug. Diesmal blieb er nicht unbemerkt. Man wunderte sich darüber, dass es so irritierend viele kleine "Fliegen" waren.
Wir einigten uns auf "Fliegen", nachdem die Aussage "Ameisenköniginnen" mir einen wahrhaft angeekelten Blick eingebracht hatte. Schließlich könnte sich ja jede von denen an Ort und Stelle einnisten? "Fliegen" schienen harmloser.

Nach dem Schwarmflug wurde es ruhig um die Kleinen. Hatten sie mir zuvor (verhältnismäßig) die Haare vom Kopf gefressen, so zeigten sich anschließend nur noch vereinzelte Ameisen. Proteine wurden gefühlt ab Juli gar nicht mehr genommen.

Ende 2016 beging ich dennoch einen Fehler: Ich befeuchtete das Küchentuch für die WR weniger stark und kontrollierte dafür wochenlang nicht.

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Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rückwirkend seit 2015

Beitragvon Safiriel » 22. April 2018, 13:45

Einbruch 2017
Die Unterseite des Nestes hatte ordentlich Schimmel in allen Farben angesetzt.
Ich reinigte es so gut es ging, aber ein schwarzer Fleck blieb bis heute.
Ich befürchtete das Schlimmste. Als alternative Nester bot ich selbstgebaute Mininester, Walnüsse, eine angebohrte Haselnuss und ein kleines RG mit stark verengtem Eingang an. Nichts wurde angenommen.
Dafür stapelten sich am Arenarand bald bestimmt 30 tote Arbeiterinnnen, wenn nicht mehr. Es wurde erheblich weniger Nahrung angenommen als im Jahr zuvor. Das steigerte sich zwar langsam wieder, aber der Schwarmflug Ende Juni blieb aus.
schwarmflug.php
Mir ist durchaus bewusst, dass Ende Juni eh etwas früh für diese Art ist. Ich denke, dass sie eine Reise von über 800 (?) km hinter sich haben und das österreichische Klima erstaunlich anders ist als hier, zuzüglich der Haltungsbedingungen lösten das aus.
2017 bekam ich dann 3 kleinere statt einem großen Schwarmflug. Termingerecht im Juli, August und September.
Es hat mehrere Monate gebraucht, aber die Kolonie hat sich wieder erholt.

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Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rückwirkend seit 2015

Beitragvon Safiriel » 22. April 2018, 15:37

April 2018

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20180422_154648.jpg

Ja, es wäre klüger gewesen, noch einmal ein Bild von dem Kiefer zu machen, bevor er "im Wald verschwindet". So allerdings seht ihr meine Erlebnisse mit diesen SchlaWienern fast in Echtzeit.
IMG-20180422-WA0019.jpeg

Auf dem letzten Bild erkennt ihr eine einzelne Temnothorax nylanderi, die kurz darauf als erste versuchte, die noch gefrorene Wanderheuschrecke anzunagen. Ich hatte sie kurz zuvor aus dem scheinbar leeren Schädel des letzten Futtertieres geschüttelt.
Ein wahrhaft freudiger Anblick denn er bewies, dass meine Kleinsten nicht hungern müssen. Tatsächlich sah ich zwar weniger Arbeiterinnen, aber sie sind auf dem Waldboden auch schlechter zu erkennen.
Eine lief übrigens schon keck die Scheibe entlang.

Wie sah der Beginn des Jahres aus?
Die WR haben sie hervorragend überstanden und die SchlaWiener fraßen mir vom ersten Tag an die Haare vom Kopf. Auch mit Proteinen. Ich vermute, dass sie schon in der Aufwärmphase auf dem Balkon loslegen, kam mir früher schon so vor.
SchlaWiener, weil sie im Gegensatz zu mir schon in Wien waren.
Sie haben also einen absoluten Kickstart hingelegt und waren noch aktiver als in meiner Erinnerung.
Bemerkenswert finde ich, dass ich immer wieder vereinzelte Temnothorax auf dem Tisch finde, da wo ihr Nest zuvor stand. Wenn sie nicht alle nacheinander von unter der Tischplatte hervorkommen, dann suchen einige von ihnen ihr altes Heim. Es sind etwa 3 m dazwischen.

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Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rückwirkend seit 2015

Beitragvon Safiriel » 1. Mai 2018, 11:12

Temnothorax sp. als perfekte Einsteigerameise?

Die Widmung in meinem Seifert zeigt das heutige Datum von vor drei Jahren. Eine gute Gelegenheit einmal zu schauen, was dort und in unserer Artenbeschreibung über Themnothorax sp. steht und wie sich das mit meinen Erfahrungen deckt. Dabei werde ich auch auf gewisse Parameter eingehen, die bei der Haltung immer wieder angeführt werden, wenn es um die Wahl der perfekten Ameise geht.

Der Korrektheit halber vorab die Quellen: temnothorax-nylanderi-t30585.html und
Die Ameisen Mittel- und Nordeuropas von Bernhard Seifert

Meine sind Temnothorax nylanderi und deren Unterschiede zu anderen Temnothorax oder Leptothorax in der Haltung kann ich nicht beurteilen, dennoch sei darauf hingewiesen, dass allein im Seifert rund 13 Temnothorax Arten beschrieben werden. Der durchschnittliche Halter, der eine Eichel öffnet wird diese kaum voneinander unterscheiden können.
Temnothorax nylanderi ist eine Ameise, die recht oft erwähnt wird, regelmäßig gesucht wird, seltener gehalten und erstaunlicherweise noch seltener beschrieben wird. Dazu kommt noch, dass ich davon ausgehe, dass einige der gehaltenen Temnothorax noch falsch bestimmt sind.
Erwähnenswert ist hier die örtlich begrenzte Hybridisierung mit T. crassipinus. Noch interessanter als dass es Hybride gibt wäre für mich zu erfahren, warum diese sich nicht ausbreiten.

Ursprünglich hatte ich vor, die Vor- und Nachteile der Temnothorax sp. für den Halter tabellarisch festzuhalten, bis mir auffiel, dass Vor- und Nachteile hier identisch sind.

Größe der Arbeiterinnen
Arbeiterinnen: ca. 2,3 – 3,5mm
Königinnen: ca. 3,5 – 4,7mm
Männchen: ca. 2,5 – 3,2mm

Im Vergleich zu einer Lasius niger, die mit 3-5mm angegeben ist, klingt das gar nicht so klein. Ist es aber.
Durch ihre zierliche Bauweise wirken sie kleiner. Temnothorax sp. haben wirklich schöne Färbungen, die allerdings mit bloßem Auge kaum zu sehen sind. Wenn man wie ich sehr gute Augen hat und vielleicht zusätzlich eine Lupenbrille/Stereomikroskop/gute Kamera für Makroaufnahmen, dann tut sich hier eine spannende Welt auf. Wenn ich nun vielleicht Ende 40 bin, und zum beim Lesen die Brille abwechselnd auf- und abziehe, weil die Arme wahlweise zu kurz oder zu lang werden, bringt das nix. Ich habe Gäste, die eine solche Arbeiterin nur sehen, wenn sie läuft. Am besten auf einem weißen Blatt Papier. Um das Verhalten einer Kolonie zu beobachten, reicht das natürlich nicht aus. Gerade das unterschiedliche Verhalten unterschiedlicher Gattungen macht aber einen großen Reiz der dauerhaften Haltung aus.

Die Königin ist nicht wesentlich größer als der Rest. Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich sie , wenn ich Nesteinsicht hätte, überhaupt erkennen könnte. Vermutlich nicht. Klar ist sie etwas größer und es gibt die Flügelmuskulatur. Dieser Bereich ist allerdings kleiner als ein mm und das in einem Gewusel aus Arbeiterinnen und Brut erkennen? Eher Glückssache.
So lange es gut läuft, ist Nesteinsicht nicht wichtig. Unsichere Anfänger, oder bei Problemen möchte man aber durchaus manchmal sicher sein können, ob die Königin noch lebt.

Größe der Kolonie
Gerade die geringe Arbeiterinnenzahl wird gern als Argument herangezogen, wenn es um die Haltung geht. Wer kein ungehemmtes Wachstum möchte und nicht viel Platz hat, landet oft unweigerlich bei Temnothorax in der Empfehlung.
Natur und Haltung unterscheiden sich hier stark. In der Natur gibt es bei besonders dichter Besiedelung besonders kleine Kolonien mit auch nur 50 Arbeiterinnen. 50 :a: :a: sind wirklich nicht viel. Da gäbe es sicherlich keine bemerkenswerten Außenaktivitäten. Bei entsprechendem Platz, vielleicht mit einigen Zweignestern und ohne Konkurrenz (siehe Haltung), können das wohl auch 200 :a: :a: werden.
20 - 30 :a: :a: , die um einen Tropfen Honig sitzen oder ein Mikroheimchen zerlegen, sind schon gut sichtbar.
Was sie genau tun sieht man dabei kaum, dazu sind sie zu klein.
Ich habe schon mehrfach gelesen, dass Temnothorax sp. in der Haltung zu langweilig seien. Ich würde sagen, sie eignen sich gut für einen Schreibtisch. Dort brauchen sie wenig Platz und lenken nicht ab, lassen sich beim Nachdenken aber wunderbar beobachten.

Platzbedarf der Arena
Ja, es gibt teilweise mehrere Kolonien auf einem Quadratmeter. Sie brauchen kein großes Territorium und eine zu großes "Freigehege" würde die Beobachtung auch gut erschweren.
Gönnt ihnen trotzdem etwas Platz. Was meinen Tisch angeht, so haben sie geschätzt einen Quadratmeter davon als Revier in Beschlag genommen.
Dieses natürliche Verhalten ist für mich ein großer Pluspunkt in der Haltung. Die laufen nicht weit weg. Ich kann sie offen halten und muss gar nicht so sehr darauf achten, wie dicht der Rutschschutz ist. Ich würde sie nicht in einem anderen Raum wieder finden und auch die Blumentöpfe auf der Fensterbank wäre vor ihnen sicher, weil sie so hoch nicht klettern.
Im Zusammenleben mit anderen Arten würde ich vermutlich doch möglichst viel Platz anbieten, damit es Rückzugsmöglichkeiten gibt.

Nestgestaltung
Das Nest ist meiner Meinung nach der größte Schwachpunkt für die Haltung.
Eine Haltung im RG halte ich für recht ungeeignet. Objektträgernester und Nüsse werden angegeben. Noch so kleine selbst gebastelte Nester aus Gips oder Nussschalen wurden bei mir nicht angenommen. Das scheint ein generelles Problem zu sein.
Ich habe keine Lösung dafür, wohl aber Ratschläge:
- eine ganze Walnuss ist zu groß
- das Eingangsloch sollte winzig sein, werden in der Natur doch Löcher von kleinen Käfern verwendet, was auch einen guten Schutz vor Räubern bietet
- mehrere Nester/Nüsse/Stöckchen anbieten

Bodengrund
Tja also... Sie laufen gern auf Glas. Ob auf Sand oder Waldboden, gerade wenn sie etwas tragen nehmen sie auch einen Umweg in Kauf um beschwerdefrei am Glas entlang laufen zu können. Vorzugsweise ein paar mm über dem Bodengrund.
Ich bevorzuge auch hier eine Hybridlösung: Sand und Wald auf dem Boden, aber eine gut sichtbare Futterstelle (in meinem Fall auf einem Stein).

Tempo
Bei der Entwicklung sind sie recht langsam vermute ich, dafür früh im Jahr. Wer mehrere einheimische Arten hat, kann hier frühe Beobachtungen machen.
Worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist das Lauftempo.
Ohne Gefahr sind sie doch sehr gemächlich und gemütlich unterwegs. Dies erleichtert die Beobachtung. Dass sie durchaus auch anders können, zeigt sich im Kontakt mit anderen Ameisen oder einem Finger.
Was mache ich, wenn ich eine solche Ameise am Tellerrand sitzen habe, die es auf mein Birnenkompott abgesehen hat? Ich kann meinen Finger befeuchten und sie vorsichtig antippen. Sie wird daran haften und ich kann sie zurücksetzen. Viel spannender ist es, den Finger einmal kurz vor ihre Nase zu setzen. Sie wird kurz innehalten, und dann auf schnellstem Wege heim rasen (es sei denn sie findet ein Versteck auf halber Strecke, dann verschwindet sie dort).

Störungen und Erschütterungen
Diese Ameisen sind mit Nichts aus der Ruhe zu bringen. Ich stelle mir das so vor, dass ihre Eichel auch nicht immer an der selben Stelle am Boden liegen bleibt. Da kommt mal ein Tier vorbei, mal fällt ein Ast oder der Wind gestaltet das Umfeld neu. Daher verstecken sie sich auch nicht, wenn mehrere Leute am Tisch sitzen und essen. Vermutlich wäre es etwas anderes, wenn sie im Nest gestört werden. Ansonsten: Kurz anhalten, weiter geht´s.

Temperaturschwankungen/Feuchtigkeit
Wenns regnet, mache ich den Knochen nass, eine Reagenzglastränke, die über ein Jahr hält steht immer zur Verfügung.
In der Natur sind diese Ameisen dem kompletten Wetter ausgesetzt. Tags heiß, nachts kalt, Sommer warm, Winter eisig. Ich möchte es nicht ausprobieren, aber vermutlich würde es sie nicht beeinträchtigen, wenn ich den Kiefer Ende September in eine Box auf dem Balkon lege (oder einfach in einen Blumentopf), und sie allem aussetze, was da so kommt.

Rekrutierung
Wenn ich sage, dass sie schnell rekrutieren, dann meine ich nicht, dass sie eine breite Straße bilden um irgendeine Beute zu erlegen. Jagdverhalten lässt sich nicht beobachten. Aber zumindest wenn sie hungrig sind, sitzen sie schon an noch halb gefrorenem Futter, an dass sich andere noch nicht heran trauen. Auf eine langsame Art sind sie sehr lebendig.

Fütterung
Aufgrund ihrer Größe bleiben sie in allem hängen, was eine Oberflächenspannung hat. Meine bevorzugen Blütenhonig, mit dem ich stecknadelkopfgroße Tropfen setze. Hat sich bewährt.

Zunächst fütterte ich hauptsächlich Fruchtfliegen, weil die so klein sind. Wahnsinn, wie viele die davon so im Mai/Juni brauchen.
Gepanzerte Tiere wie Heimchen oder sogar zuletzt Wanderheuschrecken werden aber auch sauber leer gefuttert. Natürlich trennen sie sich kein Bein ab und bringen das ins Nest. Dafür braucht es nur eine Lücke im Panzer (zum Beispiel vom Menschen oder einer größeren Ameise verursacht), und sie machen sich an die Arbeit.

Verhaltensweisen
Die große Stärke dieser Tiere.
Tandemlauf. Reaktionen auf Mensch und Futter. Orientierung in der Umgebung, um nur ein paar Punkte zu nennen.
Wer nicht nur gern füttert sondern das Wesen und vor allem die unfassbare Vielfalt der verschiedenen Gattungen beobachten mag, der ist hier über Jahre beschäftigt!

Zusammenfassung:
Obwohl sie leicht zu halten ist, wenn man ein geeignetes Nest hat, ist es eine Liebhaberameise. Viele Parameter, die gerade Anfänger sich gern wünschen erfüllt Temnothorax nylanderi nicht. Dafür überrascht sie beständig und kann selbst langjährigen Haltern eine noch andere Welt der Ameisen eröffnen.
Auf die Möglichkeit der Vergesellschaftung bin ich hier nicht eingegangen. Auch das macht sie nahezu einzigartig, soll aber auf Dauer einen Platz in diesem Bericht finden.

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Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rückwirkend seit 2015

Beitragvon Safiriel » 12. Mai 2018, 09:26

Noch am ersten Mai wurde das Experiment nach nur etwa einer Woche beendet, denn ich konnte keine Aktivitäten der Temnothorax nylanderi mehr erkennen.

http://www.ameisenforum.de/meinungen-fr ... post364322 Rückmeldungen, Fragen, Spekulationen etc. bitte in den Diskussionsfaden der Camponotus herculeanus packen. Es geht ja eh um die Vergesellschaftung und die Temnothorax haben keinen eigenen Diskussionsfaden.

Was ist passiert, hier die Chronik
○ zunächst wuselten die Temnothorax :a: :a: fleißig durch die Arena und futterten überall fleißig mit. Eine Reaktion der Camponotus :a: :a: ließ sich nicht erkennen
○ auf meinem Tisch kreuzten im Verlauf der ersten Tage an der Stelle wo zuvor das Nest stand, immer wieder Temnothorax :a: :a: auf. Ob sie vom Fouragieren heim kamen, oder eine Lücke im Ausbruchschutz der Camponotus fanden und ihre alte Heimat aufsuchten, kann ich nicht sagen. Ich habe glaube ich 8 :a: :a: zurück zum Nest gesetzt
○ nach ziemlich genau drei Tagen stellten die Camponotus Wachen auf. Je eine :a: an Wasser und Honig, zwei :a: :a: an den Proteinen. Noch immer sah ich Temnothorax :a: :a: herumlaufen und auch essen
○ ich setzte den Temnothorax kleine Tröpfchen Honig direkt vors Nest, falls ihnen der Weg zu weit würde. Insgesamt wurden Unmengen an Futter verbraucht.
○ Ende April schienen die Temnothorax nicht mehr ganz so aktiv. Eine Arbeiterin beobachtete ich, die sich von hinten anschlich um an Honig zu kommen. Sobald sie ins Blickfeld der Camponotus :a: kam, flüchtete sie erstaunlich flink in die Streuschicht. Eine für mich erkennbare Reaktion der Camponotus :a: gab es nicht.
○ am 1. Mai, nach Schreiben meines Berichtes war keine Temnothorax :a: in der Arena. Neu gesetzte Honigtröpfchen wurden eilig von Camponotus :a: :a: aufgeleckt - obwohl sie eine große Portion Waldhonig bewachten ohne zu trinken. Am Nachmittag fand ich eine Wache auf dem Kiefer. Die Camponotus :a: wich auch nicht, als ich Nest mitsamt Temnothorax Arena entfernte. Ich musste sie manuell entfernen.

Gedanken was warum passiert ist, folgen im nächsten Bericht. Vielleicht habt ihr ja noch Anregungen für mich.

Was geschah seither in der Temnothorax Arena?
○ zunächst nichts. Gar nichts.
○ eine :a: sah ich nach einigen Tagen am Honig. Dann Tagelang nichts.
○ bis heute ist keine Aktivität an den stecknadelkopfgroßen Portionen Proteine erkennbar
○ heute fand ich erstmals wieder eine :a: am Honig. Der erste Tropfen ist leer. Eine zweite :a: lief umher. Rekord in diesem Monat.

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