Temnothorax sp. im Kiefer - rĂŒckwirkend seit 2015

Unterfamilie: Myrmicinae
Benutzeravatar
Safiriel

User des Monats April 2018
Moderator
Offline
BeitrÀge: 3105
Registriert: 17. Mai 2014, 15:17
Auszeichnung: 1
Hat sich bedankt: 513 Mal
Danksagung erhalten: 1167 Mal

#1 Temnothorax sp. im Kiefer - rĂŒckwirkend seit 2015

Beitrag von Safiriel » 22. April 2018, 13:33

April 2015
Epilog
Es war einmal eines schönen Arbeitstages der einen ameisenaffinen Imker auch nach Wildungsmauer fĂŒhrte. Wildungsmauer liegt fĂŒr mich unwissende Deutsche irgendwo unweit der Donau, irgendwo zwischen Wien und Bratislava. Unser Imker hatte in nĂ€herer Zukunft eine Reise zu seiner Ameisenfreundin nach Wesseling geplant. Das bin ich. (Ich erlaube mir hier mit Stolz ein wenig besitzergreifend zu sein.)
FĂŒr unseren Imker stellte Wildungsmauer keineswegs einen fremden Ort dar, befand er sich doch am Rande seines Reviers.
An diesem Tag muss er an seine Ameisenfreundin gedacht haben, denn als er unweit des Bienenstandes einen halben Unterkiefer auf dem Boden liegen sah, zögerte er keinen Augenblick und nahm ihn mit. Den Rest des Tages verbrachte der Unterkiefer in einem Sack auf der LadeflÀche eines Wagens. Dort wartete er auf den Feierabend um mit nach Hause genommen zu werden.
SpĂ€ter reiste er in einer TĂŒte von Wien nach Oberösterreich um eine? zwei? Wochen spĂ€ter im Zug nach Wesseling zu reisen.

Konnte es ein perfekteres Gastgeschenk geben, als einen Kiefer vom Bienenstandort?
Ein Mitbringsel von Österreich nach Deutschland.
Von Ameisenfreund zu Ameisenfreundin.
Vom Imker zur Zahntechnikerin?

Ja, das konnte es ...
... DIESEN Kiefer!
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Safiriel fĂŒr den Beitrag (Insgesamt 2):
SajikiiBot69

Benutzeravatar
Safiriel

User des Monats April 2018
Moderator
Offline
BeitrÀge: 3105
Registriert: 17. Mai 2014, 15:17
Auszeichnung: 1
Hat sich bedankt: 513 Mal
Danksagung erhalten: 1167 Mal

#2 Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rĂŒckwirkend seit 2015

Beitrag von Safiriel » 22. April 2018, 14:09

WĂ€hrenddessen in Wesseling
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt meine Camponotus herculeanus, die nach der ersten WR auf 1 Arbeiterin geschrumpft ist, Lasius niger und Lasius flavus.
Von Temnothorax sp. hatte ich bereits gelesen. Camponotus herculeanus stellt die zweitgrĂ¶ĂŸte Ameisenart in Deutschland dar, Temnothorax in etwa die zweitkleinsten. Beide leben durchaus miteinander, wobei sich spezielle Verhaltensweisen zeigen.
Beispielsweise wusste ich, dass die EingĂ€nge zu den Nestern von Temnothorax so klein sind, dass keine grĂ¶ĂŸere Ameise hindurch passt. Ich machte mich auf die Suche. Jede Eichel unter jeder Eiche der Umgebung wurde umgedreht und begutachtet. Ich fand nicht eine Temnothorax und war mir bald sicher: Hier gibt es keine!
Die Autobahn ist schuld, die Stadt, was auch immer. Hier gab es derlei nicht.

Die Ankunft meines Ameisenfreundes erwartete ich mit grĂ¶ĂŸter Aufregung und Vorfreude. Da kam aus einem anderen Land, aus einer völlig anderen Lebenswelt nicht nur mein Vorbild der Ameisenhaltung, nein es war auch noch ein etwa gleichaltriger Mann und keiner von uns war vergeben. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: HĂ€tte ich mir im Vorfeld drei Gedanken darĂŒber weniger gemacht, wĂ€re ich vielleicht auch kein völlig durchgedrehtes, nervöses BĂŒndel gewesen.

Mein Ameisenhaltungsvorbild konnte offensichtlich aus seiner Erfahrung mit Bienen schöpfen und so gelang es ihm, mich vom Schwirren dreier Bienenvölker kurz vorm Wetterumschwung wieder auf ein normales Tempo zu bringen. (Ich glaube ein Löffel Honig hat dabei geholfen.)
Wissen und Lasius flavus von denen wir hier berichteten lasius-flavus-underground-studie-t53553.html brachte er mit. Ich blamierte mich prompt an besagter Bushaltestelle ameisen-und-blattlause-beobachtungen-an-der-haltestelle-t52926.html , indem ich kundtat, dass es in meiner Umgebung keinerlei Temnothorax gebe. "Doch" grinste er, "da!" Er wies auf eine Stelle etwa 30 cm von meinem Fuß entfernt und dort an der Bushaltestelle war sie - die erste freilaufende Temnothorax sp., die ich je gesehen hatte! Was fĂŒr eine Blamage!

Der Kiefer offenbart sein Geheimnis
Ich hielt mein perfektes Gastgeschenk in den HĂ€nden. Ich kenne mich mit Jagen oder so gar nicht aus. Aber dieser Kiefer hier gehörte zu einem Pflanzenfresser. Nicht ausgewachsen, die Dentition war noch nicht abgeschlossen. Die ZĂ€hne zeigten kaum Gebrauchsspuren. Als ich den Kiefer mit Wasser abspĂŒlte um ihn etwas zu reinigen, sah ich die erste Temnothorax sp. darauf herumlaufen, und dann die zweite.
Wahnsinn! Sollten die beiden Ameisen so lange mit dem Kiefer gereist sein?
Mein Gast beharrte darauf, dass eine Kolonie im Kiefer wohne. Wo sonst sollten die beiden her kommen? Ehrlich gesagt erklĂ€rte ich ihn insgeheim fĂŒr verrĂŒckt. Dennoch: Er bestand darauf, dass ich einen Tropfen Honig (oder war es Zuckerwasser?) bereitstellte und binnen kĂŒrzester Zeit tummelten sich rund 50 (!) niedlichste Temnothorax sp. drum herum.

Nun musste ich glauben, dass der Kiefer ein Nest war. Oder ein Zweignest? Er versicherte mir, dass wenn 50 Arbeiterinnen hungrig raus kommen, dass es dann darinnen sicherlich Königin und Brut gÀbe. Ich war unglÀubig und wurde eines Besseren belehrt.

So bekam mein Esstisch GĂ€ste, die ihn nur fĂŒr die Winterruhe verließen, bis sie gestern umzogen.
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Safiriel fĂŒr den Beitrag (Insgesamt 4):
AmeisenstarterSajikiiBot69Serafine

Benutzeravatar
Safiriel

User des Monats April 2018
Moderator
Offline
BeitrÀge: 3105
Registriert: 17. Mai 2014, 15:17
Auszeichnung: 1
Hat sich bedankt: 513 Mal
Danksagung erhalten: 1167 Mal

#3 Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rĂŒckwirkend seit 2015

Beitrag von Safiriel » 22. April 2018, 14:16

Juni 2015
In der nĂ€chsten Zeit war ich fleißig. ZunĂ€chst belagerte ich einen Zahnmorphologen, der bestĂ€tigte, dass es sich um Rotwild handele. Dann musste ein Kumpel mit anstĂ€ndiger Spiegelreflexkamera und Stativ Bilder machen, die ich wiederum an einen Myrmekologen schickte, der bestĂ€tigte, dass es sich tatsĂ€chlich um Temnothorax nylanderi handele.

Einige der Bilder konnte ich wiederfinden. Sie zeigen sehr schön, dass Temnothorax innerhalb eines Nestes keineswegs gleichgroß und schon gar nicht identisch gefĂ€rbt sind.

PĂŒnktlich gegen 22 Uhr auf meiner Geburtstagsfeier (mit Übernachtungsgast mit ausgeprĂ€gter Abneigung gegenĂŒber Insekten) Ende Juni erlebte ich dann den ersten Schwarmflug in meinem Wohnzimmer.
10006097_1011230048887278_4500915768822316069_o.jpg

11110979_1011230012220615_9003883354781597091_n.jpg

11351289_1017742808236002_4231168096851769664_n.jpg


Ab jetzt war auch mir klar, dass ich ein komplettes Volk beherberge.
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Safiriel fĂŒr den Beitrag (Insgesamt 5):
SajikiiAmeisenstarterBot69ErneSerafine

Benutzeravatar
Safiriel

User des Monats April 2018
Moderator
Offline
BeitrÀge: 3105
Registriert: 17. Mai 2014, 15:17
Auszeichnung: 1
Hat sich bedankt: 513 Mal
Danksagung erhalten: 1167 Mal

#4 Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rĂŒckwirkend seit 2015

Beitrag von Safiriel » 22. April 2018, 14:34

Das Jahr 2016
verlief einigermaßen ruhig.

Noch immer lebten die Ameisen im Kiefer in einer offenen Lebensmitteldose. Paraffin schĂŒtzte vor dem Ausbrechen. Inzwischen hatte ich gelernt so kleine Honigtropfen zu setzen, dass sie nicht kleben blieben. Damit der Kiefer nicht umfiel, hatte ich einen kleinen StĂ€nder aus Knetsilikon gebastelt.
Die WR hatte mir einige unbegrĂŒndete Sorgen bereitet.
Dank der fehlenden Einsicht und einem nicht vorhandenen Wassertank konnte ich die richtige Feuchtigkeit schlecht einschĂ€tzen. Ich befeuchtete also ob und zu ein KĂŒchentuch, legte es in die Dose, nur um dann regelmĂ€ĂŸig das Kondenswasser abzuwischen.
Trockenheit und Schimmel wollte ich beide vermeiden.
Im MĂ€rz 2016 wurden sie schnell munter. Sofort nahmen sie Honig und Proteine an. Bei meinen GĂ€sten wurden sie immer beliebter. ZunĂ€chst zeigten sie sich abwehrend gegen Insekten auf dem Esstisch, aber zunehmend wurde ich gefragt, ob man ihnen auch einen KrĂŒmel hiervon oder davon anbieten dĂŒrfe. So kleine langsame Ameisen stellten wohl doch keine Bedrohung dar.
Allerdings gab es wieder genau an meiner Geburtstagsfeier (den ich fast 2 Wochen frĂŒher feierte als im Jahr zuvor) einen Schwarmflug. Diesmal blieb er nicht unbemerkt. Man wunderte sich darĂŒber, dass es so irritierend viele kleine "Fliegen" waren.
Wir einigten uns auf "Fliegen", nachdem die Aussage "Ameisenköniginnen" mir einen wahrhaft angeekelten Blick eingebracht hatte. Schließlich könnte sich ja jede von denen an Ort und Stelle einnisten? "Fliegen" schienen harmloser.

Nach dem Schwarmflug wurde es ruhig um die Kleinen. Hatten sie mir zuvor (verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig) die Haare vom Kopf gefressen, so zeigten sich anschließend nur noch vereinzelte Ameisen. Proteine wurden gefĂŒhlt ab Juli gar nicht mehr genommen.

Ende 2016 beging ich dennoch einen Fehler: Ich befeuchtete das KĂŒchentuch fĂŒr die WR weniger stark und kontrollierte dafĂŒr wochenlang nicht.
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Safiriel fĂŒr den Beitrag (Insgesamt 3):
SajikiiAmeisenstarterBot69

Benutzeravatar
Safiriel

User des Monats April 2018
Moderator
Offline
BeitrÀge: 3105
Registriert: 17. Mai 2014, 15:17
Auszeichnung: 1
Hat sich bedankt: 513 Mal
Danksagung erhalten: 1167 Mal

#5 Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rĂŒckwirkend seit 2015

Beitrag von Safiriel » 22. April 2018, 14:45

Einbruch 2017
Die Unterseite des Nestes hatte ordentlich Schimmel in allen Farben angesetzt.
Ich reinigte es so gut es ging, aber ein schwarzer Fleck blieb bis heute.
Ich befĂŒrchtete das Schlimmste. Als alternative Nester bot ich selbstgebaute Mininester, WalnĂŒsse, eine angebohrte Haselnuss und ein kleines RG mit stark verengtem Eingang an. Nichts wurde angenommen.
DafĂŒr stapelten sich am Arenarand bald bestimmt 30 tote Arbeiterinnnen, wenn nicht mehr. Es wurde erheblich weniger Nahrung angenommen als im Jahr zuvor. Das steigerte sich zwar langsam wieder, aber der Schwarmflug Ende Juni blieb aus.
schwarmflug.php
Mir ist durchaus bewusst, dass Ende Juni eh etwas frĂŒh fĂŒr diese Art ist. Ich denke, dass sie eine Reise von ĂŒber 800 (?) km hinter sich haben und das österreichische Klima erstaunlich anders ist als hier, zuzĂŒglich der Haltungsbedingungen lösten das aus.
2017 bekam ich dann 3 kleinere statt einem großen Schwarmflug. Termingerecht im Juli, August und September.
Es hat mehrere Monate gebraucht, aber die Kolonie hat sich wieder erholt.
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Safiriel fĂŒr den Beitrag (Insgesamt 3):
SajikiiAmeisenstarterBot69

Benutzeravatar
Safiriel

User des Monats April 2018
Moderator
Offline
BeitrÀge: 3105
Registriert: 17. Mai 2014, 15:17
Auszeichnung: 1
Hat sich bedankt: 513 Mal
Danksagung erhalten: 1167 Mal

#6 Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rĂŒckwirkend seit 2015

Beitrag von Safiriel » 22. April 2018, 16:37

April 2018

20180422_154641.jpg
20180422_154648.jpg

Ja, es wĂ€re klĂŒger gewesen, noch einmal ein Bild von dem Kiefer zu machen, bevor er "im Wald verschwindet". So allerdings seht ihr meine Erlebnisse mit diesen SchlaWienern fast in Echtzeit.
IMG-20180422-WA0019.jpeg

Auf dem letzten Bild erkennt ihr eine einzelne Temnothorax nylanderi, die kurz darauf als erste versuchte, die noch gefrorene Wanderheuschrecke anzunagen. Ich hatte sie kurz zuvor aus dem scheinbar leeren SchĂ€del des letzten Futtertieres geschĂŒttelt.
Ein wahrhaft freudiger Anblick denn er bewies, dass meine Kleinsten nicht hungern mĂŒssen. TatsĂ€chlich sah ich zwar weniger Arbeiterinnen, aber sie sind auf dem Waldboden auch schlechter zu erkennen.
Eine lief ĂŒbrigens schon keck die Scheibe entlang.

Wie sah der Beginn des Jahres aus?
Die WR haben sie hervorragend ĂŒberstanden und die SchlaWiener fraßen mir vom ersten Tag an die Haare vom Kopf. Auch mit Proteinen. Ich vermute, dass sie schon in der AufwĂ€rmphase auf dem Balkon loslegen, kam mir frĂŒher schon so vor.
SchlaWiener, weil sie im Gegensatz zu mir schon in Wien waren.
Sie haben also einen absoluten Kickstart hingelegt und waren noch aktiver als in meiner Erinnerung.
Bemerkenswert finde ich, dass ich immer wieder vereinzelte Temnothorax auf dem Tisch finde, da wo ihr Nest zuvor stand. Wenn sie nicht alle nacheinander von unter der Tischplatte hervorkommen, dann suchen einige von ihnen ihr altes Heim. Es sind etwa 3 m dazwischen.
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Safiriel fĂŒr den Beitrag (Insgesamt 7):
SajikiiChris QuinnAmeisenstarterBot69ErneSerafineMartin H.

Benutzeravatar
Safiriel

User des Monats April 2018
Moderator
Offline
BeitrÀge: 3105
Registriert: 17. Mai 2014, 15:17
Auszeichnung: 1
Hat sich bedankt: 513 Mal
Danksagung erhalten: 1167 Mal

#7 Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rĂŒckwirkend seit 2015

Beitrag von Safiriel » 1. Mai 2018, 12:12

Temnothorax sp. als perfekte Einsteigerameise?

Die Widmung in meinem Seifert zeigt das heutige Datum von vor drei Jahren. Eine gute Gelegenheit einmal zu schauen, was dort und in unserer Artenbeschreibung ĂŒber Themnothorax sp. steht und wie sich das mit meinen Erfahrungen deckt. Dabei werde ich auch auf gewisse Parameter eingehen, die bei der Haltung immer wieder angefĂŒhrt werden, wenn es um die Wahl der perfekten Ameise geht.

Der Korrektheit halber vorab die Quellen: temnothorax-nylanderi-t30585.html und
Die Ameisen Mittel- und Nordeuropas von Bernhard Seifert

Meine sind Temnothorax nylanderi und deren Unterschiede zu anderen Temnothorax oder Leptothorax in der Haltung kann ich nicht beurteilen, dennoch sei darauf hingewiesen, dass allein im Seifert rund 13 Temnothorax Arten beschrieben werden. Der durchschnittliche Halter, der eine Eichel öffnet wird diese kaum voneinander unterscheiden können.
Temnothorax nylanderi ist eine Ameise, die recht oft erwĂ€hnt wird, regelmĂ€ĂŸig gesucht wird, seltener gehalten und erstaunlicherweise noch seltener beschrieben wird. Dazu kommt noch, dass ich davon ausgehe, dass einige der gehaltenen Temnothorax noch falsch bestimmt sind.
ErwĂ€hnenswert ist hier die örtlich begrenzte Hybridisierung mit T. crassipinus. Noch interessanter als dass es Hybride gibt wĂ€re fĂŒr mich zu erfahren, warum diese sich nicht ausbreiten.

UrsprĂŒnglich hatte ich vor, die Vor- und Nachteile der Temnothorax sp. fĂŒr den Halter tabellarisch festzuhalten, bis mir auffiel, dass Vor- und Nachteile hier identisch sind.

GrĂ¶ĂŸe der Arbeiterinnen
Arbeiterinnen: ca. 2,3 – 3,5mm
Königinnen: ca. 3,5 – 4,7mm
MĂ€nnchen: ca. 2,5 – 3,2mm

Im Vergleich zu einer Lasius niger, die mit 3-5mm angegeben ist, klingt das gar nicht so klein. Ist es aber.
Durch ihre zierliche Bauweise wirken sie kleiner. Temnothorax sp. haben wirklich schöne FĂ€rbungen, die allerdings mit bloßem Auge kaum zu sehen sind. Wenn man wie ich sehr gute Augen hat und vielleicht zusĂ€tzlich eine Lupenbrille/Stereomikroskop/gute Kamera fĂŒr Makroaufnahmen, dann tut sich hier eine spannende Welt auf. Wenn ich nun vielleicht Ende 40 bin, und zum beim Lesen die Brille abwechselnd auf- und abziehe, weil die Arme wahlweise zu kurz oder zu lang werden, bringt das nix. Ich habe GĂ€ste, die eine solche Arbeiterin nur sehen, wenn sie lĂ€uft. Am besten auf einem weißen Blatt Papier. Um das Verhalten einer Kolonie zu beobachten, reicht das natĂŒrlich nicht aus. Gerade das unterschiedliche Verhalten unterschiedlicher Gattungen macht aber einen großen Reiz der dauerhaften Haltung aus.

Die Königin ist nicht wesentlich grĂ¶ĂŸer als der Rest. Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich sie , wenn ich Nesteinsicht hĂ€tte, ĂŒberhaupt erkennen könnte. Vermutlich nicht. Klar ist sie etwas grĂ¶ĂŸer und es gibt die FlĂŒgelmuskulatur. Dieser Bereich ist allerdings kleiner als ein mm und das in einem Gewusel aus Arbeiterinnen und Brut erkennen? Eher GlĂŒckssache.
So lange es gut lÀuft, ist Nesteinsicht nicht wichtig. Unsichere AnfÀnger, oder bei Problemen möchte man aber durchaus manchmal sicher sein können, ob die Königin noch lebt.

GrĂ¶ĂŸe der Kolonie
Gerade die geringe Arbeiterinnenzahl wird gern als Argument herangezogen, wenn es um die Haltung geht. Wer kein ungehemmtes Wachstum möchte und nicht viel Platz hat, landet oft unweigerlich bei Temnothorax in der Empfehlung.
Natur und Haltung unterscheiden sich hier stark. In der Natur gibt es bei besonders dichter Besiedelung besonders kleine Kolonien mit auch nur 50 Arbeiterinnen. 50 :a: :a: sind wirklich nicht viel. Da gĂ€be es sicherlich keine bemerkenswerten AußenaktivitĂ€ten. Bei entsprechendem Platz, vielleicht mit einigen Zweignestern und ohne Konkurrenz (siehe Haltung), können das wohl auch 200 :a: :a: werden.
20 - 30 :a: :a: , die um einen Tropfen Honig sitzen oder ein Mikroheimchen zerlegen, sind schon gut sichtbar.
Was sie genau tun sieht man dabei kaum, dazu sind sie zu klein.
Ich habe schon mehrfach gelesen, dass Temnothorax sp. in der Haltung zu langweilig seien. Ich wĂŒrde sagen, sie eignen sich gut fĂŒr einen Schreibtisch. Dort brauchen sie wenig Platz und lenken nicht ab, lassen sich beim Nachdenken aber wunderbar beobachten.

Platzbedarf der Arena
Ja, es gibt teilweise mehrere Kolonien auf einem Quadratmeter. Sie brauchen kein großes Territorium und eine zu großes "Freigehege" wĂŒrde die Beobachtung auch gut erschweren.
Gönnt ihnen trotzdem etwas Platz. Was meinen Tisch angeht, so haben sie geschÀtzt einen Quadratmeter davon als Revier in Beschlag genommen.
Dieses natĂŒrliche Verhalten ist fĂŒr mich ein großer Pluspunkt in der Haltung. Die laufen nicht weit weg. Ich kann sie offen halten und muss gar nicht so sehr darauf achten, wie dicht der Rutschschutz ist. Ich wĂŒrde sie nicht in einem anderen Raum wieder finden und auch die Blumentöpfe auf der Fensterbank wĂ€re vor ihnen sicher, weil sie so hoch nicht klettern.
Im Zusammenleben mit anderen Arten wĂŒrde ich vermutlich doch möglichst viel Platz anbieten, damit es RĂŒckzugsmöglichkeiten gibt.

Nestgestaltung
Das Nest ist meiner Meinung nach der grĂ¶ĂŸte Schwachpunkt fĂŒr die Haltung.
Eine Haltung im RG halte ich fĂŒr recht ungeeignet. ObjekttrĂ€gernester und NĂŒsse werden angegeben. Noch so kleine selbst gebastelte Nester aus Gips oder Nussschalen wurden bei mir nicht angenommen. Das scheint ein generelles Problem zu sein.
Ich habe keine Lösung dafĂŒr, wohl aber RatschlĂ€ge:
- eine ganze Walnuss ist zu groß
- das Eingangsloch sollte winzig sein, werden in der Natur doch Löcher von kleinen KÀfern verwendet, was auch einen guten Schutz vor RÀubern bietet
- mehrere Nester/NĂŒsse/Stöckchen anbieten

Bodengrund
Tja also... Sie laufen gern auf Glas. Ob auf Sand oder Waldboden, gerade wenn sie etwas tragen nehmen sie auch einen Umweg in Kauf um beschwerdefrei am Glas entlang laufen zu können. Vorzugsweise ein paar mm ĂŒber dem Bodengrund.
Ich bevorzuge auch hier eine Hybridlösung: Sand und Wald auf dem Boden, aber eine gut sichtbare Futterstelle (in meinem Fall auf einem Stein).

Tempo
Bei der Entwicklung sind sie recht langsam vermute ich, dafĂŒr frĂŒh im Jahr. Wer mehrere einheimische Arten hat, kann hier frĂŒhe Beobachtungen machen.
Worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist das Lauftempo.
Ohne Gefahr sind sie doch sehr gemĂ€chlich und gemĂŒtlich unterwegs. Dies erleichtert die Beobachtung. Dass sie durchaus auch anders können, zeigt sich im Kontakt mit anderen Ameisen oder einem Finger.
Was mache ich, wenn ich eine solche Ameise am Tellerrand sitzen habe, die es auf mein Birnenkompott abgesehen hat? Ich kann meinen Finger befeuchten und sie vorsichtig antippen. Sie wird daran haften und ich kann sie zurĂŒcksetzen. Viel spannender ist es, den Finger einmal kurz vor ihre Nase zu setzen. Sie wird kurz innehalten, und dann auf schnellstem Wege heim rasen (es sei denn sie findet ein Versteck auf halber Strecke, dann verschwindet sie dort).

Störungen und ErschĂŒtterungen
Diese Ameisen sind mit Nichts aus der Ruhe zu bringen. Ich stelle mir das so vor, dass ihre Eichel auch nicht immer an der selben Stelle am Boden liegen bleibt. Da kommt mal ein Tier vorbei, mal fÀllt ein Ast oder der Wind gestaltet das Umfeld neu. Daher verstecken sie sich auch nicht, wenn mehrere Leute am Tisch sitzen und essen. Vermutlich wÀre es etwas anderes, wenn sie im Nest gestört werden. Ansonsten: Kurz anhalten, weiter gehtŽs.

Temperaturschwankungen/Feuchtigkeit
Wenns regnet, mache ich den Knochen nass, eine ReagenzglastrĂ€nke, die ĂŒber ein Jahr hĂ€lt steht immer zur VerfĂŒgung.
In der Natur sind diese Ameisen dem kompletten Wetter ausgesetzt. Tags heiß, nachts kalt, Sommer warm, Winter eisig. Ich möchte es nicht ausprobieren, aber vermutlich wĂŒrde es sie nicht beeintrĂ€chtigen, wenn ich den Kiefer Ende September in eine Box auf dem Balkon lege (oder einfach in einen Blumentopf), und sie allem aussetze, was da so kommt.

Rekrutierung
Wenn ich sage, dass sie schnell rekrutieren, dann meine ich nicht, dass sie eine breite Straße bilden um irgendeine Beute zu erlegen. Jagdverhalten lĂ€sst sich nicht beobachten. Aber zumindest wenn sie hungrig sind, sitzen sie schon an noch halb gefrorenem Futter, an dass sich andere noch nicht heran trauen. Auf eine langsame Art sind sie sehr lebendig.

FĂŒtterung
Aufgrund ihrer GrĂ¶ĂŸe bleiben sie in allem hĂ€ngen, was eine OberflĂ€chenspannung hat. Meine bevorzugen BlĂŒtenhonig, mit dem ich stecknadelkopfgroße Tropfen setze. Hat sich bewĂ€hrt.

ZunĂ€chst fĂŒtterte ich hauptsĂ€chlich Fruchtfliegen, weil die so klein sind. Wahnsinn, wie viele die davon so im Mai/Juni brauchen.
Gepanzerte Tiere wie Heimchen oder sogar zuletzt Wanderheuschrecken werden aber auch sauber leer gefuttert. NatĂŒrlich trennen sie sich kein Bein ab und bringen das ins Nest. DafĂŒr braucht es nur eine LĂŒcke im Panzer (zum Beispiel vom Menschen oder einer grĂ¶ĂŸeren Ameise verursacht), und sie machen sich an die Arbeit.

Verhaltensweisen
Die große StĂ€rke dieser Tiere.
Tandemlauf. Reaktionen auf Mensch und Futter. Orientierung in der Umgebung, um nur ein paar Punkte zu nennen.
Wer nicht nur gern fĂŒttert sondern das Wesen und vor allem die unfassbare Vielfalt der verschiedenen Gattungen beobachten mag, der ist hier ĂŒber Jahre beschĂ€ftigt!

Zusammenfassung:
Obwohl sie leicht zu halten ist, wenn man ein geeignetes Nest hat, ist es eine Liebhaberameise. Viele Parameter, die gerade AnfĂ€nger sich gern wĂŒnschen erfĂŒllt Temnothorax nylanderi nicht. DafĂŒr ĂŒberrascht sie bestĂ€ndig und kann selbst langjĂ€hrigen Haltern eine noch andere Welt der Ameisen eröffnen.
Auf die Möglichkeit der Vergesellschaftung bin ich hier nicht eingegangen. Auch das macht sie nahezu einzigartig, soll aber auf Dauer einen Platz in diesem Bericht finden.
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Safiriel fĂŒr den Beitrag (Insgesamt 3):
MaddioErneSajikii

Benutzeravatar
Safiriel

User des Monats April 2018
Moderator
Offline
BeitrÀge: 3105
Registriert: 17. Mai 2014, 15:17
Auszeichnung: 1
Hat sich bedankt: 513 Mal
Danksagung erhalten: 1167 Mal

#8 Re: Temnothorax sp. im Kiefer - rĂŒckwirkend seit 2015

Beitrag von Safiriel » 12. Mai 2018, 10:26

Noch am ersten Mai wurde das Experiment nach nur etwa einer Woche beendet, denn ich konnte keine AktivitÀten der Temnothorax nylanderi mehr erkennen.

http://www.ameisenforum.de/meinungen-fr ... post364322 RĂŒckmeldungen, Fragen, Spekulationen etc. bitte in den Diskussionsfaden der Camponotus herculeanus packen. Es geht ja eh um die Vergesellschaftung und die Temnothorax haben keinen eigenen Diskussionsfaden.

Was ist passiert, hier die Chronik
○ zunĂ€chst wuselten die Temnothorax :a: :a: fleißig durch die Arena und futterten ĂŒberall fleißig mit. Eine Reaktion der Camponotus :a: :a: ließ sich nicht erkennen
○ auf meinem Tisch kreuzten im Verlauf der ersten Tage an der Stelle wo zuvor das Nest stand, immer wieder Temnothorax :a: :a: auf. Ob sie vom Fouragieren heim kamen, oder eine LĂŒcke im Ausbruchschutz der Camponotus fanden und ihre alte Heimat aufsuchten, kann ich nicht sagen. Ich habe glaube ich 8 :a: :a: zurĂŒck zum Nest gesetzt
○ nach ziemlich genau drei Tagen stellten die Camponotus Wachen auf. Je eine :a: an Wasser und Honig, zwei :a: :a: an den Proteinen. Noch immer sah ich Temnothorax :a: :a: herumlaufen und auch essen
○ ich setzte den Temnothorax kleine Tröpfchen Honig direkt vors Nest, falls ihnen der Weg zu weit wĂŒrde. Insgesamt wurden Unmengen an Futter verbraucht.
○ Ende April schienen die Temnothorax nicht mehr ganz so aktiv. Eine Arbeiterin beobachtete ich, die sich von hinten anschlich um an Honig zu kommen. Sobald sie ins Blickfeld der Camponotus :a: kam, flĂŒchtete sie erstaunlich flink in die Streuschicht. Eine fĂŒr mich erkennbare Reaktion der Camponotus :a: gab es nicht.
○ am 1. Mai, nach Schreiben meines Berichtes war keine Temnothorax :a: in der Arena. Neu gesetzte Honigtröpfchen wurden eilig von Camponotus :a: :a: aufgeleckt - obwohl sie eine große Portion Waldhonig bewachten ohne zu trinken. Am Nachmittag fand ich eine Wache auf dem Kiefer. Die Camponotus :a: wich auch nicht, als ich Nest mitsamt Temnothorax Arena entfernte. Ich musste sie manuell entfernen.

Gedanken was warum passiert ist, folgen im nĂ€chsten Bericht. Vielleicht habt ihr ja noch Anregungen fĂŒr mich.

Was geschah seither in der Temnothorax Arena?
○ zunĂ€chst nichts. Gar nichts.
○ eine :a: sah ich nach einigen Tagen am Honig. Dann Tagelang nichts.
○ bis heute ist keine AktivitĂ€t an den stecknadelkopfgroßen Portionen Proteine erkennbar
○ heute fand ich erstmals wieder eine :a: am Honig. Der erste Tropfen ist leer. Eine zweite :a: lief umher. Rekord in diesem Monat.
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Safiriel fĂŒr den Beitrag (Insgesamt 3):
SajikiiAmeisenstarterKalinova

Antworten

ZurĂŒck zu „Temnothorax“