Gründungen mit Hilfe durch "Pushen"

Allgemeine Fragen und Themen über europäische Ameisenarten.

Gründungen mit Hilfe durch "Pushen"

Beitragvon Erne » 17. Juli 2019, 21:25

Gründungen mit Hilfe durch "Pushen"
Fällt der Begriff „Pushen“ in Bezug mit Ameisen, werden unterschiedlichste Gedanken und Erlebnisse wach.
Die sind nicht immer positiv, wie ab und an nachzulesen, wird so mancher missglückter Haltungsversuch, nach dem Erwerb eines kleinen Volkes, damit in Verbindung gebracht.
Das ist sicherlich nicht immer von der Hand zu weisen, allerdings daraus eine Regel abzuleiten, geht sicherlich ins Leere.

Gut da muss sich jeder selbst durcharbeiten und sich seine Meinung bilden, zudem ist das hier nicht mein Anliegen.

Puschen, was soll das eigentlich, was lässt sich dadurch erreichen, ist das sinnvoll, ergeben sich daraus möglicherweise Vorteile für eine Ameisenhaltung?
Denke das ist was für Halter, die nicht die Geduld aufbringen, mit einer Königin ein Volk aufzuziehen, die schneller was zum Beobachten anstreben, eine machbarer Weg?
Aus meiner Sicht, was auch nur meine persönlichen Bewertung entspricht, genötigten Verkäufern, die der Nachfrage nach kleineren oder etwas größeren Völkern nach zu kommen, um diese anzubieten zu können.
Für Königinnen die eine Gründung nicht hinbekommen haben, ein weg um diese zu retten.

Auch das ist hier nicht die Thematik der ich hier anstrebe.
Für mich stehen Beweggründe im Forderung, Königinnen die in die Haltung kommen, durch Zugabe von Puppen, eine höhere Überlebensgrundlage mitzugeben.
Weiter für Ungeduldige schneller an größere Völker zu kommen, bzw. solche aufzuziehen.

Zum Thema „PUSHEN“ gibt es in den Foren vielfältige Beiträge, die sich teilweise wiedersprechen.
Einer dieser Wiedersprüche, was an Puppen gegeben darf?
In anderen Berichten ist nachzulesen, dass auch Larven gegeben wurden.

Puschen, Königinnen mit Puppen zu belasten, die sie nicht selber aufgezogen haben, wie gehen diese damit um?

Alles in allem, ein für mich überaus interessantes Thema.

Momentan habe ich zwei Versuche am Laufen, die Mittwirkenden, Camponotus ligniperda und Formica sanguinea.

Fortsetzung in Arbeit.

Grüße Wolfgang

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Gründungen mit Hilfe durch "Pushen"

Beitragvon Erne » 18. Juli 2019, 11:21

Camponotus ligniperda

Sie gehören mit zu den schönsten einheimischen Ameisen.

Camponotus-ligniperda Jungkönigin.jpg

Wie bekannt gründet die Königin dieser Art ohne jede Hilfe und Futterversorgung.
Eine Gründung die so ihren Anfang nehmen kann.

Camponotus ligniperda Gründung.jpg

Nicht jeder Gründungsversuch gelingt und so kann es sich ergeben, dass am Ende die Königin ohne Brut und Arbeiterinnen endet.
In solchen Fällen ist es machbar, vorher einzugreifen um die Königin zu retten und ein Volk zu bekommen.
Mit Larven lässt sich da nicht mehr richtig was machen, die Vorräte der Königin dürften aufgebraucht sein.
Puppen, wie nachzulesen, sing gut geeignet und können helfen.
Über die Anzahl der möglichen zugegebenen Puppen, gibt es unterschiedliche Ansichten.
Mit passenden Voraussetzungen können es bei dieser Art mehr als hundert sein.

Camponotus ligniperda _1.jpg

Wie zu sehen, hat die Königin die Puppen gut gelagert.
Voraussetzung dafür, das Behältnis (Nest) muss derartig groß sein, das alle Puppen von der Königin belaufen und kontrolliert werden können, zudem auch die Möglichkeit die Puppen umzulagern.
Alles vollgestopft funktioniert nicht mit guten Resultat.
Dunkel muss es sein und passende Temperaturen sind ebenfalls notwendig.
Die Temperatur kann, nein sollte etwas höher sein, 23- 25°C sind gut passend.
Wie bekannt, entwickeln sich Puppen ein wenig schneller bei etwas höheren Temperaturen.
Ein früherer Schlupf der Arbeiterinnen kommt der Königin entgegen.

Weiter ist auf die Zusammensetzung der Puppen zu achten.
Nicht nur die schönen großen geben, die Kleineren sind wichtig.

Passt alles schlüpft bald die erste Arbeiterin.

Camponotus ligniperda _2.jpg

Damit Arbeiterinnen schlüpfen können, brauchen diese Hilfe, sonst wird das nichts.
Diese Hilfe kommt von der Königin und gelingt ihr nur, wenn sie alle Puppen kontrollieren kann.
Es zeigt sich, dass sich die Königin um alle gegeben Puppen kümmert, auch wie hier in größerer Anzahl.
Sie macht keinen Unterschied zu den fremden Puppen und verhält sich als wären das alles ihre eigenen.

Auch um den weiteren Schlupf von Arbeiterinnen muss sich die Königin kümmern, es dauert einige Tage bis sie durch Arbeiterinnen Unterstützung bekommt.

Camponotus ligniperda _3.jpg

Camponotus ligniperda _4.jpg

Camponotus ligniperda _5.jpg

Etwas Futter in Form von Zucker- oder Honigwasser ist jetzt angebracht.
Insekten brauchen sie nicht und Auslauf brauchen sie auch noch nicht.

Sind erstmal einige Arbeiterinnen geschlüpft, ist es machbar, nochmals Puppen zu geben.
Deren Anzahl könnte durchaus an die tausend gehen.

Für mich ist das nicht machbar, mein Bestand aus anderen Völkern, gibt keine Puppen mehr her, die ich der Königin gegeben könnte.
Zu meinem Bedauern (siehe Beitrag weiter unten) habe ich diesen Satz so formuliert das er missverstanden werden kann.
Die Puppen sind nicht in der Natur gesammelt, sie stammen von Völkern dieser Art aus meiner Haltung.


Ihr müsst und solltet das auch nicht nachmachen.
Mir geht es darum, etwas mehr Informationen zur Anzahl der möglichen Puppenzugabe aufzuzeigen.

Formica sanguinea folgt später.

Grüße Wolfgang

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Re: Gründungen mit Hilfe durch "Pushen"

Beitragvon Kuemmerz » 18. Juli 2019, 22:24

Danke für den interessanten Beitrag. Bei der Gelegenheit möchte ich von einem eigenen Erlebnis aus diesem Jahr berichten.
Ich hatte ein frisch gegründetes Lasius flavus Volk und hatte noch Lasius cf. niger Puppen aus einer missglückten Lasius fuliginosus Gründung übrig (Gyne verstorben bevor etwas schlüpfen konnte).
Ich wollte diese nicht einfacht entsorgen und so gab ich sie meinem Lasius flavus Volk. Die Arbeiterinnen schlüpften nach geraumer Zeit und es gab keine Probleme etc. Nach ein paar Tagen schaute ich wieder ins RG und sah die Gyne in mehreren Teilen zerlegt herumliegen. Ich vermute, dass die Lasius cf. niger Arbeiterinnen das verbrochen haben und kann für mich persönlich dieses Experiment als gescheitert ansehen.

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Gründungen mit Hilfe durch "Pushen"

Beitragvon Erne » 23. Juli 2019, 22:43

Formica sanguinea

Eine ebenfalls schöne und interessante einheimische Ameisenart.

Formica sanguinea Arbeiterinnen.jpg

Formica sanguinea Junkönigin.jpg

Wenn auch im bescheidenen Ausmaß, baut sie Hügel wie unsere geschützten Waldameisenarten.
Auch wenn sie gehalten werden darf, möchte ich davon abraten.
Sind flinke, überaus bewegungsfreudige Ameisen, die viel Platz brauchen um zur Entfaltung zu kommen.
Weiter ist zu bedenken, dass sie eine angebrachte Winterruhe brauchen und notfalls die ganze Anlage mit ins Winterquartier muss.

Die Konstitution bei der Gründung von Formica sanguinea ist eine gänzlich andere als bei Camponotus ligniperda.
Königinnen dieser Art bekommen nur geringe Reserven mit und müssen andere Wege für eine Gründung finden.
Sie bekommen keine selbstständige Gründung hin, brauchen dafür andere Ameisen, nachzulesen ist das unter „parasitäre Gründung“.

Meine Bemühungen nach Schwarmflügen, Königinnen dieser Art zu finden, sind meistens leer ausgegangen.
Manchmal hilft der Zufall um einem Ameisenhalter eine Freude zu machen.
Völlig unerwartet lief mir eine Königin auf der Terrasse über den Weg.
Normal schwären sie in meiner Gegend noch nicht so früh, na ja die Natur halt.

Schnell war ein Reagenzglas gefunden und die Königin „eingetütet“, was ihr überhaupt nicht gefallen hat.
Da ich nicht gleich für Wirtsameisen, bzw. deren Puppen sorgen konnte, ist sie im Reagenzglas nicht zur Ruhe gekommen.
Unermüdlich herumgelaufen und den Wattestopfen des Reagenzglases ordentlich zugesetzt.
Nach 2 Tagen gab es Puppen von Formica fusca, sie war wie ausgewechselt.

Formica fusca.jpg

Auch hier eine größere Anzahl an Puppen, sicherlich wäre noch mehr möglich, allerdings habe ich die Puppen in der Natur gesammelt und nicht mehr gefunden, bzw. wollte nicht mehr entnehmen.
Wie ich beobachten konnte, für eine Gründung reichen einer Formica sanguinea Königin nur Puppen, was sicherlich auch keine neue Erkenntnis ist.
Auch hier wieder die Vorgabe, ihr Nest muss derart groß sein, das sie alle Puppen belaufen, kontrollieren kann.

Puppen die sie sortiert, umschichtet, wobei ihr nicht entgeht wenn aus einer Puppe eine Ameise schlüpfen will.
Ohne fremde Hilfe können Formica fusca nicht schlüpfen und eine Formica sanguinea Königin hat die Verhaltensweise, dabei zu helfen, bzw. einen Schlupf überhaupt zu ermöglichen.

Formica sanguine Gründung _1.jpg

Formica sanguine Gründung _2.jpg

Was jetzt noch kommen könnte, die Gründung von Lasius niger.
Wie an anderer Stelle hier im Forum nachzulesen, sollen die in Unmengen schwärmen, da dürfte es wohl auch nichts ausmachen, aus der Natur massenhaft Puppen für einen gepushten Gründungsversuch zu sammeln.
Mein Ding ist das nicht.

Mein Augenmerk liegt jetzt auf der weiteren Entwicklung dieser Völker.
Bei Formica sanguinea erwarte ich keinerlei Probleme, die kennen es nicht anders, als gleich in einem größeren Volk zu leben.
Interessanter dürfte die Entwicklung der Camponotus ligniperda Königin sein.
Wird diese nach der Winterruhe richtig viele Eier legen oder doch nur wenige, so wie es unter normalen Gründungsbedingungen ablaufen würde?

Grüße Wolfgang

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Re: Gründungen mit Hilfe durch "Pushen"

Beitragvon Maddio » 24. Juli 2019, 10:05

Hallo Wolfgang,

toller Bericht soweit, mit schönen Fotos. Ich finde es gut, dass du aufzeigst wie Pushen gelingen kann und was es zu beachten gilt.

Erne hat geschrieben:Was jetzt noch kommen könnte, die Gründung von Lasius niger.
Wie an anderer Stelle hier im Forum nachzulesen, sollen die in Unmengen schwärmen, da dürfte es wohl auch nichts ausmachen, aus der Natur massenhaft Puppen für einen gepushten Gründungsversuch zu sammeln.
Mein Ding ist das nicht.


Ich vermute das du damit auf meinen Beitrag aus dem Thema zum Fang von 50+ Lasius niger-Königinnen anspielst:
https://www.ameisenforum.de/diskusionsthread-zu-50-lasius-niger-von-anthalter-19-t59855-8.html#p423347

Vielleicht irre ich mich da aber auch, die Thematik kommt schließlich jedes Jahr neu auf den Tisch.

Jedenfalls möchte ich deutlich machen, dass ich von einer Entnahme von geschwärmten Königinnen aus dem urbanen Bereich gesprochen habe, und nicht aus der Natur. Diese Unterscheidung finde ich wichtig. Denn im urbanen Bereich tritt L. niger eben als Kulturfolger und massenhaft auf. In der Natur ist sie nur eine von vielen Arten, die ihre Nische im ökologischen System hat und nicht weiter auffällt.

Zwei Beispiele dazu:

a) Wenn jemand auf dem Alexanderplatz in Berlin 50 L. niger-Gynen einsammelt, wird dies der Umwelt sicher nicht schaden.

b) Sammelt dieser jemand hingegen in einem Waldgebiet 50 L. niger-Gynen, ist das schon eher bedenklich, zumal die Wahrscheinlichkeit das es sich nicht auch z.B. um L. platythorax oder andere Schwesternarten handeln könnte, weitaus größer ist.

Ein weiterer Punkt, den es aus meiner Sicht zu bedenken gilt: Was schadet einer Ameisenpopulation mehr, dass Einsammeln einiger geflügelten Geschlechtstiere, oder die Öffnung eines Nests zur Entnahme von Puppen?

Für mich stellt sich nun folgende Frage:
Wo genau siehst du den Unterschied, bei der Entnahme von Puppen für C. ligniperda und L.niger? Erstere tritt nicht im urbanen Raum als Kulturfolger auf; Puppen von C. ligniperda müssen also zwangsweise aus Nestern in der Natur entnommen werden (von einigen wenigen Nestern in Häusern mal abgesehen).

In deinem zweiten Beitrag berichtest du nun über eine große Menge an Puppen (du schreibst, "bei passenden Voraussetzungen können es mehr als hundert sein"), die du einem C. ligniperda-Nest entnommen hast. Warum ist so eine Entnahme aus der Natur dann für dich ok, und bei L. niger "nicht dein Ding", wie du schreibst?

Ich selbst denke auch eine Entnahme aus der Natur, in gewissen Maßen (10-20 Puppen sollten für die meisten Belange reichen) und außerhalb von Naturschutzgebieten ist vertretbar, geschützte Arten selbstverständlich ausgenommen.

Mich würde trotzdem interessieren, wie du zu deiner unterschiedlichen Einschätzung bei C. ligniperda und L. niger kommst, welche Begründung oder Gedanken dahinter stecken.

LG Maddio

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Re: Gründungen mit Hilfe durch "Pushen"

Beitragvon Erne » 24. Juli 2019, 12:48

Hallo Maddio,
freut mich, dass Dir mein Bericht gefällt.
Ein paar interessante Fragestellungen die von Dir zusammen getragen wurden.

Denke ein paar davon beruhen aus Missverständnissen, ausgelöst durch unpräzise Formulierungen meinerseits.
Für den Pushversuch der Camponotus ligniperda wurden nur Puppen aus von mir gehaltenen Völkern verwändet, keine aus der Natur.
Zugegeben dieser Satz könnte dazu Anlas geben, das die Puppen aus Völkern in der Natur kommen.
Erne hat geschrieben: Für mich ist das nicht machbar, mein Bestand aus anderen Völkern, gibt keine Puppen mehr her, die ich der Königin gegeben könnte

Werde diese Formulierung abändern, das klar ersichtlich wird, dass die Puppen aus von mir gehaltenen Völkern stammen.

Bei Formica sanguinea hätte ich es ebenfalls gerne so gehandhabt, habe zurzeit leider keine Formica fusca in der Haltung.
Allerdings halte ich es bei dieser Art als vertretbar, einige Puppen aus der Natur zu nehmen.
Bei der Gründungen dieser Art können den Königinnen, in der Natur, ganze Nester zum Opfer fallen.
Hätte auch gerne mehr Puppen gegeben um aufzuzeigen, dass da deutlich mehr geht.
Vielleicht später, wenn ich selber ein größeres Volk Formica fusca aufgezogen habe, die ich beklauen kann.
Wahrscheinlich finde ich dann keine Formica sanguinea Königin.

Für einen Lasius niger Versuch hätte ich ebenfalls Puppen aus der Natur nehmen müssen.
Bei dieser Art können es durchaus bis an die tausend Puppen sein und die einzusammeln ist nicht mein Ding.

Maddio hat geschrieben: Mich würde trotzdem interessieren, wie du zu deiner unterschiedlichen Einschätzung bei C. ligniperda und L. niger kommst, welche Begründung oder Gedanken dahinter stecken.

Mir ist nicht klar, wie diese Frage von Dir gemeint ist?
Denkbar das sich die Antwort dafür schon in meinem Text vorab findet.
Camponotus ligniperda Puppen hatte ich selber, Lasius niger Puppen hätte ich in der Natur sammeln müssen, für mich macht das den Unterschied.

Maddio hat geschrieben: Ein weiterer Punkt, den es aus meiner Sicht zu bedenken gilt: Was schadet einer Ameisenpopulation mehr, dass Einsammeln einiger geflügelten Geschlechtstiere, oder die Öffnung eines Nests zur Entnahme von Puppen?

Geflügelte Geschlechtsteile einzusammeln, ergibt für mich keinen Sinn.

Für mich verhält es sich so, das mit jeder eingefangenen Königin der Natur eine Chance verloren geht, dass ein neues Ameisenvolk entstehen könnte.
Bei Arten die mit tausenden von Königinnen schwärmen, bin ich Deiner Ansicht dass das Einfangen weniger Königinnen wohl vertretbar ist.
Bin mir allerdings nicht sicher, ob es nicht eine Fehleinschätzung ist, das es nichts ausmacht von Arten die mit vielen Königinnen schwärmen, einige einzufangen.
Sicherlich gehen von diesen Königinnen auf natürlichem Wege etliche verloren oder kommen in der heutigen Zeit unter Schuhsollen oder Autoreifen.
Es ist immer wieder zu lesen, in der Natur entwickelt sich, bzw. hält sich nichts Unnützes.
Für mich liegt darin die Begründung, dass diese Arten nur überleben können, wenn sie überaus zahlreich schwärmen.
Jetzt kommen auch noch wir Halter und sammeln.
Sicherlich wird dadurch kein zusätzlicher Schaden entstehen, nachprüfbar ist das wohl eher auch nicht.

Ein Nest zu öffnen um Puppen zu entnehmen, ist auch immer ein Schaden für das Volk.
Bei der Entnahme weniger Puppen wird das Volk einen Rückschlag erleiden, nach meinem Dafürhalten wird es dadurch nicht sterben.

Ameisen aus der Natur entnehmen, Puppen aus der Natur entnehmen, Königinnen einfangen,
vielfällige Fragestellungen die sich daraus ableiten lassen.
Manchmal kommt mir der Gedanke, wir betreiben ein Hobby, das aus meiner Sicht durchaus als fragwürdig gesehen werden kann.

Maddio wie sehen Deine Gedanken, Einschätzungen aus, was aus der Natur entnommen werden darf und wieviel?
(Geschützte Arten ausgeklammert)
Deine Überlegungen der dafür zutreffenden Beweggründe.

Grüße Wolfgang

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Re: Gründungen mit Hilfe durch "Pushen"

Beitragvon Maddio » 24. Juli 2019, 19:40

Hi Wolfgang,

vielen Dank für deine Antwort. Ich hatte es tatsächlich so verstanden, dass du die C. ligniperda-Puppen von Kolonien in der Natur gesammelt hast. Es ist natürlich sehr löblich, dass du aus "deiner eigenen Zucht" schöpfen kannst.

Selbst wenn die Puppen aus der Natur stammen würden, würde ich das nicht verwerflich finden, mich hatte nur gewundert, dass du gerade bei L. niger Zweifel hast ob dort eine Entnahme in der Natur zu vertreten ist.

Das hat sich ja dann geklärt, habe auch wohl selbst nicht genau genug gelesen, nun ist es auf jeden Fall deutlich geworden.

Erne hat geschrieben:Bei Formica sanguinea hätte ich es ebenfalls gerne so gehandhabt, habe zurzeit leider keine Formica fusca in der Haltung.
Allerdings halte ich es bei dieser Art als vertretbar, einige Puppen aus der Natur zu nehmen.
Bei der Gründungen dieser Art können den Königinnen, in der Natur, ganze Nester zum Opfer fallen.
Hätte auch gerne mehr Puppen gegeben um aufzuzeigen, dass da deutlich mehr geht.
Vielleicht später, wenn ich selber ein größeres Volk Formica fusca aufgezogen habe, die ich beklauen kann.
Wahrscheinlich finde ich dann keine Formica sanguinea Königin.


Ich denke auch, dass es vertretbar ist F. fusca eine Handvoll Puppen zu stehlen. Ich hatte seinerzeit das Glück eine F. fusca-Kolonie als Puppenspender im Hause zu haben. Das vereinfacht die Sache natürlich ungemein. Ich hatte die Raptiformica-Königin nach erfolgter Gründung dann weiterverkauft; manchmal frage ich mich heute ob ich sie nicht doch lieber behalten hätte, so schön wie sie sind. Allerdings sind deine Erfahrungen bezüglich Auslauf und Platzbedarf wohl gut begründet.

Erne hat geschrieben:Für einen Lasius niger Versuch hätte ich ebenfalls Puppen aus der Natur nehmen müssen.
Bei dieser Art können es durchaus bis an die tausend Puppen sein und die einzusammeln ist nicht mein Ding.


Ja, das hatte ich dann missverstanden. Ich dachte du meinst überhaupt Puppen von L. niger einzusammeln, also in geringer Anzahl, wäre für dich nicht vertretbar. Ich hatte früher einmal für ein Schulprojekt eine Gründerkolonie von L. niger mit ca. 150-200 Puppen gepusht, das hat sehr gut funktioniert. Diese Puppen hatte ich einer Kolonie auf unserer Straße entnommen, also aus dem urbanen Bereich und nicht aus natürlichen Habitaten.

Erne hat geschrieben:Mir ist nicht klar, wie diese Frage von Dir gemeint ist?
Denkbar das sich die Antwort dafür schon in meinem Text vorab findet.
Camponotus ligniperda Puppen hatte ich selber, Lasius niger Puppen hätte ich in der Natur sammeln müssen, für mich macht das den Unterschied.


Jetzt verstehe ich es ;).

Erne hat geschrieben:
Maddio hat geschrieben:
Ein weiterer Punkt, den es aus meiner Sicht zu bedenken gilt: Was schadet einer Ameisenpopulation mehr, dass Einsammeln einiger geflügelten Geschlechtstiere, oder die Öffnung eines Nests zur Entnahme von Puppen?


Geflügelte Geschlechtsteile einzusammeln, ergibt für mich keinen Sinn.


Da habe ich mich wiederum missverständlich ausgedrückt. Ich meinte nicht unbedingt geflügelte Geschlechtstiere, sondern frisch geschwärmte Königinnen, bevorzugt solche, die ihre Flügel bereits abgeworfen haben. Ich finde das ist eigentlich die schonendste Art und Weise, wie man sich eine Ameisenart zum Halten "besorgen" kann. Die Nester bleiben unbehelligt, und da selbst gesammelt sind keine Transportwege von Händlern nötig. Als zusätzlicher Bonus kann die Kolonie später guten Gewissens vor der eigenen Haustür freigelassen werden.

Nicht das es falsch rüberkommt, ich sage nicht das ist der einzige und richtige Weg an Ameisen zu kommen. Jeder muss immer für sich selbst die beste Lösung finden. Es wäre auch scheinheillig, schließlich haben meine C. vagus auch den weiten Weg von Südfrankreich aus hinter sich gelegt.

Erne hat geschrieben:Maddio wie sehen Deine Gedanken, Einschätzungen aus, was aus der Natur entnommen werden darf und wieviel?
(Geschützte Arten ausgeklammert)
Deine Überlegungen der dafür zutreffenden Beweggründe.


Einiges dazu habe ich schon geschrieben. Ich versuche meine Sicht der Dinge (ohne Geltungsanspruch für alle) nochmal zusammenfassen.

Wie du schon sagst, geschützte Arten sind natürlich ganz außen vor. Genauso darf generell nicht in Naturschutzgebieten gesammelt werden, denn dort stehen alle Tiere unter Schutz.

Weiter unterscheide ich zwischen urbanem Bereich (dicht besiedelte Gebiete) und der Natur als Bereich in der die menschliche Einflussnahme gering ist.

Im urbanen Bereich finde ich auch größere Entnahmen von Arten die als Kulturfolger auftreten (L. niger, L. flavus, stellenweise auch M. rubra) als problemlos an. Oben das Beispiel mit dem Alexanderplatz in Berlin. Für mich sind da zwei Faktoren entscheidend als Begründung für meinen Standpunkt. Zum Einen die Relation. Ameisenhalter sind immer noch eine sehr überschaubare Community, und der Anteil der Hobbyisten die selber sammeln ist noch kleiner. In jeder Stadt werden mehr Ameisennester durch z.B. Straßenbauarbeiten vernichtet, als durch Ameisenhalter.

Zum Anderen ist bei den Arten, die ich als Kulturfolger einstufe, der Fortbestand der Art nicht gefährdet; im Gegenteil, solange es den Menschen gibt und die Städte weiter wachsen, erobern diese Arten immer größere Areale und setzen ihren Siegeszug fort. Das können weder Bagger noch Ameisenhalter aufhalten, dafür reproduzieren sich diese Arten einfach viel zu stark.

Im Bereich der Natur sehe ich die Sache deutlich anders. Es gibt immer weniger Habitate, und noch weniger die keine Naturschutzgebiete sind und somit das Sammeln überhaupt erlaubt ist. Hier sollte man sich meiner Meinung nach gut überlegen, ob es wirklich sein muss, ein Nest auszubuddeln für die Puppenentnahme oder mehr als 1-2 Königinnen bei einem Schwarmflug zu sammeln. Wie bereits weiter oben geschrieben besteht die Gefahr, statt einer häufigen Art eine der weniger stark verbreiteten Schwesternarten einzsammeln. Außerdem stehen natürlich Habitate in einem empfindlichen ökologischen Gleichgewicht, und ein fehlendes Glied in der Kette kann unvorhersebare Folgen für das ganze System haben (butterfly effect).

Da sehe ich auch den wichtigsten Unterschied zum urbanen Bereich, denn dort gibt es nur ein künstliches Gleichgewicht, bzw. gar keines. L. niger können bei den für sie perfekten Bedingungen im städtischen Bereich Massen an Geschlechtstieren produzieren. Nur sind fast alle Planstellen für mögliche Nester bereits besetzt und der Großteil der Königinnen wird von Arbeiterinnen der eigenen Art getötet, die keine Nestgründung in ihrem Territorium dulden.

Da sind wir beim Thema r-Strategen vs. K-Strategen. Ameisen fallen bei den r-Strategen mit ihrer hohen Lebenserwartung dabei etwas aus dem Rahmen. Eine etablierte L. niger-Kolonie kann einen Neststandort für Jahrzehnte halten, wenn sie wie im urbanen Bereich keine Konkurrenz durch Formica-Arten zu befürchten hat. Damit kann sich dann für einen sehr langen Zeitraum keine Jungkönigin dort niederlassen, so dass bedenkenlos einige eingesammelt werden können.

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Re: Gründungen mit Hilfe durch "Pushen"

Beitragvon Erne » 24. Juli 2019, 19:58

Kuemmerz danke das Du uns an Deinen Beobachtungen teilhaben lässt.

Bist weiter gekommen als ich bei ähnlichen Versuchen.
Allerdings liegen diese Jahre zurück, zu Zeiten wo es noch kein Internet gab.
Meine Kenntnisse Ameisen zu unterscheiden, waren kaum vorhanden.
Ist nicht auszuschließen, dass ich Lasius niger mit einer ihrer ähnlich aussehenden Schwesternarten verwechselt habe.
Mein Anliegen war es, Lasius niger Puppen in ein Lasius flavus Volk zu bringen und umgekehrt.

Beide Arten waren nicht bereit die Puppen der anderen Art in ihr Nest zu bringen.
Die Wenigen die sie eingetragen haben, sind nie als adulte Ameisen in den Nestern aufgetaucht.
Daraus resultierend, neue Versuche mit geänderten Vorbedingungen.
Diese waren, Puppen von Lasius flavus und Puppen von (Lasius niger) zusammen, über 24 Stunden in einem Reagenzglas zu lagern, gut durchmischt.
Erst danach wurden sie den Völkern angeboten, die zu meinem Erstaunen auch angenommen wurden.
Was noch zu erwähnen ist, die Völker denen diese Puppen angeboten wurden, bestanden jeweils aus ca. 2000 Ameisen plus Königin.
Die weiteren Entwicklungen habe ich als wenig positiv beobachtet.
Es ging schon damit los, dass viele der geschlüpften Fremdameisen verkrüppelt herum liefen.
Ursache dafür, sie wurden beim Schlupf nicht vollständig von der Puppenhaut befreit.
Weitere Beobachtung, die Ameisen die soweit für mich erkennbar, normal schlüpfen konnten sich absonderten, letztendlich alleine in der Arena anzufinden waren.
Lange hat keine der Ameisen im fremden Volk überlebt.

Grüße Wolfgang

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